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Essay:Abwehren statt erinnern

Samuel Salzborn hat eine scharfe Abrechnung über die Deutschen und ihren "Opfermythos" verfasst.

Von Robert Probst

Holocaust Gedenktag - Holocaust-Mahnmal Berlin

Eine weiße Rose liegt am Denkmal für die ermordeten Juden Europas auf einer der Stehlen. Am 27. Januar wir den Opfern des Holocausts gedacht. (Archivbild)

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Deutschland rühmt sich, zumal an Gedenktagen, gern seiner mutigen und ehrlichen Erinnerungskultur, seines verantwortungsvollen Umgangs mit der NS-Vergangenheit und dem Holocaust und einer Politik nach dem Grundsatz "Nie wieder Auschwitz". Dass vieles daran vielleicht allzu wohlfeil ist, ist oft vermutet worden. Samuel Salzborn, Politikwissenschaftler an der Universität Gießen, geht aber ein paar Schritte weiter. Er sagt: Eine echte und wahrhaftige Aufarbeitung der Vergangenheit hat es praktisch nicht gegeben, aus der "Tätergemeinschaft des Nationalsozialismus" sei über die Jahrzehnte eine "Erinnerungsabwehrgemeinschaft der Bundesrepublik" geworden. Der schmale Essay heißt provokativ: "Kollektive Unschuld".

Samuel Salzborn: Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2020. 136 Seiten, 15 Euro.

Salzborn ist bekannt für klare Aussagen, hier geht es aber um nichts weniger als die "größte Lebenslüge der Bundesrepublik". Nur eine linksliberale, kleine Elite glaubt demnach, dass die Verbrechen des Holocaust aufgearbeitet wurden - die große Mehrheit verdrängt und verleugnet seit Jahrzehnten die deutsche Täterschaft und ergeht sich in einem "Opfermythos". Diese "Erinnerungsabwehr" wiederum befeuert den aktuellen Antisemitismus.

Viele treffende Argumente folgen. Manches gerät pauschal, einiges fehlt. Es verwundert, dass Salzborn deutschen Historikern im Grunde (Ausnahme: Götz Aly) zu misstrauen scheint, seine Referenzgrößen sind Theodor Adorno und Daniel Jonah Goldhagen. Und alles, was unbestreitbar an positiver Aufarbeitung geleistet wurde - von der Arbeit in KZ-Gedenkstätten bis zu Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985 etwa - wird nur in Nebensätzen abgehandelt.

Und leider machen Salzborns Wissenschaftssprache und die langen Sätze das Lesen nicht gerade leicht. Die Adressaten dieser düsteren Diagnose - also die Mehrheit der Bürger jenseits der Erinnerungselite - dürfte er damit kaum zum Nachdenken bringen. Dabei wäre es durchaus lohnenswert, über Salzborns Thesen zu diskutieren und sie auf ihre Haltbarkeit in der Realität zu überprüfen.

© SZ vom 27.04.2020
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