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Erträge:Staub statt Körner

Die Dürre schadet vor allem dem Getreide, aber auch andere Pflanzen leiden. Bei Salat steigt bereits der Preis. Bei Obst fällt die Ernte hingegen ungewöhnlich gut aus.

Die Erde ist trocken, Wind und Schuhe wirbeln Staub umher, bei jedem Schritt knacken unter Thomas Gäberts Stiefeln die Ähren. Es ist Anfang Juli, der Landwirt und Vorstand der AGT Agrargenossenschaft Trebbin hat auf einem seiner mitten im brandenburgischen Nichts gelegenen Felder den Deutschen Bauernverband zu Gast. Der will zeigen, was hier fehlt: Wasser und Ernte.

Der Landwirt bricht ein paar Stängel ab, puhlt die Körner hervor und sagt: "Da sieht man: viel Schale, wenig drinnen." Seit April habe es hier kaum mehr geregnet. Überhaupt sei das Feld sehr dünn bewachsen, die Pflanzen viel zu niedrig. Noch deutlicher wird das beim Maisfeld nebenan. Dort waren die Pflanzen im Juli vor einem Jahr mehr als zwei Meter hoch. Nun kann man den Blick über das hüfthohe Feld schweifen lassen. Zwei Wochen später hat es jetzt zwar etwas geregnet, aber an der Lage hat sich nichts geändert. "Wir haben nach wie vor viel zu wenig Wasser", sagt Gäberts Vorstandskollege Uwe Mertin.

Wie in Trebbin sieht es in vielen Regionen aus - vor allem im Norden und Osten Deutschlands. Den Ackerbauern unter den 270 000 Betrieben steht die schlechteste Getreideernte seit Jahren bevor. Bei Roggen etwa rechnet der Deutsche Bauernverband laut einer am Mittwoch veröffentlichten ersten Erntebilanz mit einem Einbruch von fast 40 Prozent im Vergleich zu 2017, auch der Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren zeigt deutliche Einbußen. Bei Weizen und Gerste sieht es ebenfalls schlecht aus. Es gehe um Einbrüche von "existenzbedrohendem Ausmaß", sagt Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied.

Start der Getreide- und Rapsernte

Harte Scholle: Seit April hat es in manchen Regionen Deutschlands nur wenig geregnet, wie hier im brandenburgischen Trebbin.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Betroffen sind alle Getreidesorten - aber auch Kartoffeln, Mais oder Rüben. Nur im Süden des Landes läuft die Ernte weitgehend normal. Schuld sind die Wetterkapriolen, die wie in Brandenburg schon im Herbst des vergangenen Jahres losgingen. Weil Dauerregen viele Äcker in Norddeutschland in Morast verwandelte, konnten die Traktoren nicht raus aufs Feld, um den Winterweizen einzusäen. Die Anbaufläche des wichtigsten Getreides schrumpfte. Die Anbaufläche von Sommerweizen verdoppelte sich. Doch die Probleme wurden größer statt kleiner. Im März war es zu kalt. Es folgten ein viel zu warmer April und Mai. Beides waren die wärmsten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1881. Schließlich kam die lange Dürreperiode. Einzelne Wolkenbrüche mit 100 Litern pro Quadratmeter in einer Stunde halfen auch nicht. Die Böden waren nicht aufnahmebereit, das Wasser versickerte ungenutzt. In vielen Betrieben beginnt mit der Ernte nun das große Rechnen. Was ist noch zu holen?

Fachleute sind da schon etwas weiter. Die Einnahmen dürften in einigen Bereichen drastisch sinken, warnen Funktionäre. Getreide wie Weizen sind längst ein international gehandelter Rohstoff. Die Preise diktiert der Weltmarkt. Weil es etwa in Südeuropa mehr regnete als sonst, fiel die Ernte dort besser aus. Trotz des knappen Angebots aus Deutschland ist nicht zu erwarten, dass Bauern die kleine Ernte teurer verkaufen können. Folge: Ausfälle schlagen voll auf Einnahmen durch. Was die Existenznot vieler Bauern verschärft, ist für Kunden an der Ladentheke kaum zu spüren. Bei Brot oder Brötchen fallen solche Schwankungen nur mit wenigen Cent ins Gewicht. Der Getreideanteil macht beim Bäcker nur ein paar Prozent aus. Bei Salat schlägt die Trockenheit dagegen deutlich auf den Preis durch.

Eisbergsalat ist derzeit um 30 bis 40 Prozent teurer als noch vor einem Jahr. Für Kopfsalat und Kohlrabi müssten Verbraucher etwa 20 Prozent mehr zahlen, rechnet die Agrarmarkt Informationsgesellschaft in Bonn vor. Salatgurken, Zucchini und Brokkoli sind indes etwas billiger geworden. Bei Obst fällt die Ernte sogar ungewöhnlich gut aus. Erdbeeren, Äpfel, Brombeeren und Kirschen gibt es dieses Jahr mehr als sonst - mit niedrigeren Preisen. Auf dem Markt, im Bioladen oder Supermarkt wird beim Bezahlen deshalb kaum auffallen, was sich da gerade auf den Feldern abspielt. Für Thomas Gäbert aber ist es ein frustrierendes Jahr: weniger Getreide für die Menschen, weniger Stroh für die Kühe.

Experten befürchten, dass das erst der Anfang ist. Fred Hattermann vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung nennt den Grund für die Misere eine "Blockade-Wetterlage". Ein Hoch über Nordeuropa verhindere über längere Zeit, dass feuchte Luft vom Atlantik nach Norddeutschland gelange. Das aber könne eher zur Regel werden. "Modellrechnungen zeigen", so Hattermann, "dass im Jahre 2050 der jetzige Sommer quasi ein Durchschnittssommer sein könnte." Eine Folge des Klimawandels. In Deutschland liege der Temperaturanstieg mit 1,4 Grad seit Beginn der Industrialisierung sogar höher als der globale Durchschnitt von einem Grad.

Bauernpräsident Rukwied fordert deshalb bereits finanzielle Hilfen für die Bauern. Die Landwirte könnten die Risiken nicht mehr alleine schultern. Bei vielen Bauern seien nach zwei schlechten Jahren die Reserven erschöpft, erklärt auch der Landesbauernverband Niedersachsen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte Anfang des Monats zwar angekündigt, das Ausmaß der Dürreschäden genau in den Blick nehmen zu wollen. Eine umfassende Bilanz könne aber erst im August gezogen werden. Meteorologen geben jedenfalls keine Entwarnung. Für Landwirt Gäberts Felder in Brandenburg ist kein Ende der Probleme in Sicht. Das trockene Sommerwetter im Osten dürfte wohl mindestens noch bis Ende Juli anhalten, teilte der Deutsche Wetterdienst am Mittwoch mit. Nur vereinzelt sei in den kommenden Tagen mit Regen zu rechnen.