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Erinnerungen:"Ich wäre gern älter, viel älter"

Als noch Taxis zwischen Beirut und Damaskus fuhren: Rudolph Chimelli über die Lust am Leben.

Von Rudolph Chimelli

Nach 60 Reporter-Jahren mangelte es Rudolph Chimelli nicht an Anekdoten. Wer mit Ayatollah Khomeini aus dem Exil nach Teheran flog oder den Beginn des Sechstagekrieges beobachtete, der darf sich Augenzeuge der Geschichte nennen. Chimelli reiste mit Vorliebe in der Region, die heute als islamischer Krisengürtel bekannt ist. Früher freilich fuhren noch Taxis zwischen Beirut und Damaskus, und aus dem bürgerkriegsgeplagten Jemen gelang die Flucht mithilfe des legendären Capitaine Astraud - Champagner und Schinken an Bord inbegriffen. Die Welt und ihre Geschichten waren Chimellis Lebenselixier. Deswegen wollte er immer weiterschreiben, wie er sich erinnerte:

Ich wäre gern älter, viel älter, mehr noch, als es biologisch empfehlenswert ist. Denn dann hätte ich meine jungen Jahre vor dem Ersten Weltkrieg verbracht, in der Belle Époque, in der guten alten Zeit. Ich hätte Opern sehen können, wie deren Komponisten sie sich gedacht hatten, nicht so, wie Regisseure, die auf Originalität versessen sind, sie heute inszenieren. Im Theater hätte ich nicht erleben müssen, dass, wenn ich eigentlich den Reden Wilhelm Tells oder Hamlets lauschen wollte, der Herausgeber der Wochenzeitung Der Stürmer Julius Streicher auf der Bühne onaniert.

Männer lösten damals Lebenskrisen, indem sie sich duellierten oder auf den Großen Krieg als Ausweg hofften, Frauen, indem sie dekorativ in Ohnmacht fielen. Es war eine heile Welt.

Wer im Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Weimarer Republik in München geboren wurde, für den waren die nostalgischen Reden der Elterngeneration über die noch nahe Vergangenheit ein prägendes Leitmotiv. Auf mich jedenfalls wirkte es dauerhaft. Vielleicht bin ich nie ganz und gar jung gewesen, wofür es auch andere Indizien gab: Ich spielte als Bub nicht Fußball und später nicht Tennis. Offenbar war ich von jeher fürs Altern prädestiniert. Alt zu sein schien mir sozusagen der Normalzustand des Menschen - und die Übergänge erwiesen sich als fließend. Schließlich wurde Hegel, dem ich mich sonst nicht gleichsetzen möchte, schon zu seinem 50. Geburtstag als "ehrwürdiger Greis" gefeiert. Lange merkte ich kaum, wie sich die Jahresringe ansetzten.

Die große Frage, wie ich mich im Alter einrichten soll, habe ich bewältigt, indem ich ihr konsequent auswich. Ich trage die gleichen Kleider, gehe in dieselben Restaurants und mache ähnliche Reisen, mit Vorliebe in "Spannungsgebiete". Unverändert interessiere ich mich für Politik, Kunst, Literatur und Geschichte. Die Freunde freilich machten sich zunehmend rar, doch schritt ich rüstig vorwärts.

"Ich halte mich im Abendrot des Lebens an die Maxime carpe diem - und genieße den Tag."

Nur flüchtig dachte ich manchmal darüber nach, wo ich meine alten Tage verbringen wollte - bis es für konstruktive Entscheidungen zu spät war. Das war kein Unglück, da ich in Paris mehr Jahre meines erwachsenen Lebens verbracht habe als an irgendeinem anderen Ort der Erde, meine Heimatstadt eingeschlossen. (. . .)

Vor allem habe ich nie aufgehört zu arbeiten. Wann immer ich an eine mögliche Pensionsgrenze stieß, fragte ich mich: Sollst du Schluss machen? Obwohl keine Langeweile drohte, ergab sich daraus sofort die nächste Frage: Was wirst du denn tun als Ruheständler? Und gleich darauf die realistische Antwort: nach dem Aufwachen im Bett Radionachrichten hören, im Bad auf andere Sender umschalten, dann ausgehen und Zeitungen kaufen, mit Gleichgesinnten über das Gehörte und Gelesene diskutieren, einschlägige Literatur lesen. Da ich das unverschämte Glück habe, mich seit Jahrzehnten beruflich mit genau den Fragen zu beschäftigen, die mich faszinieren, lag der Schluss nahe: Das kannst du auch für Geld machen.

Bisher ist alles gutgegangen. Aber das sagte auch jener Mann, der von einem Wolkenkratzer stürzte, während er am 20. Stock vorbeifiel. Gleichaltrige trösten sich mit schlauen Sprüchen der Art: Alt werden ist das sichere Mittel dagegen, jung zu sterben. Solch krampfiger Fröhlichkeit setzten schon im 18. Jahrhundert philosophisch gebildete Franzosen mit resignierender Weisheit entgegen: Wenn Jugend wüsste, wenn Alter könnte. Im Bewusstsein, dass bei Super-Senioren kleine Wehwehchen normalerweise nur größer werden können, halte ich mich im Abendrot des Lebens an die Maxime carpe diem - genieße den Tag.

Auszug aus "Was verändert sich im Alterüberhaupt nicht? Eine Einordnung" ausdem SZ-Magazin vom 23. November 2007

© SZ vom 25.04.2016
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