Energiewende:Die Welt hängt noch an der Nadel

Aber langfristig wird wohl weniger in Öl investiert werden, weil es sich kaum noch lohnt.

Von Cerstin Gammelin

Zum Befund des Jahres 2015 gehört, dass die Volkswirtschaften weiter am Erdöl hängen wie Junkies an der Nadel. Von Entzug ist nichts zu spüren. Erdöl ist so günstig wie zuletzt 2009, im Jahr der internationalen Finanzkrise. Seit Monaten ist der Preis im freien Fall, gebremst nur durch die Hoffnung, dass bald eine Kaltfront aufziehen könnte. Umgekehrt ist das Öl nicht billig, weil der Winter so warm ist. Sondern weil die Erzeuger die Märkte fluten, seit Mitte 2014 hat sich der Preis halbiert. Davor war der hohe Preis ein Beschleuniger des Energiewandels: Öl, das klang wie Energie von gestern, teuer und dreckig.

Nun stellt sich aber die Frage, ob das billige Öl die Energiewende entschleunigt, sie verzögert oder verhindert? In den Chefetagen von Energieunternehmen, Verkehrsbetrieben, Autoherstellern, Chemiekonzernen oder Stahlwerken wird zurzeit gerechnet, ob es sich lohnt, auf grüne Energien umzusteigen - oder ob es sich nicht billiger mit fossilen Energien produzieren, fahren und verkaufen lässt?

Neue Bohrtürme müssen sich auch bezahlt machen

Klar ist: Die Energiewende wird nur kommen, wenn sie sich rechnet; wenn Unternehmen mit grünen Energien Geld verdienen können, wenn dadurch mehr Arbeitsplätze entstehen und mehr Gewinn erwirtschaftet werden kann als mit fossilen Rohstoffen. So kurios es klingt, kann ausgerechnet der niedrige Ölpreis dazu beitragen, dass sich langfristig planende Investoren verstärkt grünen Energien zuwenden. Weil es sich bei dem niedrigen Preis nicht lohnt, neue Ölfelder zu erschließen, neue Bohrplattformen aufzustellen.

Viele afrikanische Staaten, in denen jetzt neue Öl- und Gasquellen gefunden wurden, werden sich nicht an der Ausbeutung der Ressourcen hindern lassen. Bleibt der Ölpreis allerdings dauerhaft niedrig, was zu erwarten ist, wenn viele Anbieter in den Markt drängen, wird sich mit neuen Ölquellen zunächst nicht viel Geld verdienen lassen - schließlich müssen die Vorkommen aufwendig exploriert werden, es müssen Leitungen gebaut und Anschlüsse geschaffen werden. Die Kombination von hohen Investitions- und gleichbleibenden Bewirtschaftungskosten mit volatilen Erlösen lässt potenzielle Investoren doppelt überlegen.

Marktexperten wie Steffen Bukold von Energy-Comment weisen darauf hin, dass auf dem Ölmarkt seit einiger Zeit ein ungewohnt starker Verdrängungswettbewerb herrscht. Das Preisrisiko lasse die Einnahmen der Ölproduzenten sinken und verunsichere Investoren. "Kapitalintensive und langfristig angelegte Ölprojekte werden es in Zukunft schwer haben, in den Vorstandsetagen und bei den Banken grünes Licht zu bekommen", argumentiert Bukold. Das gelte für die Erschließung der Arktis, für brasilianisches Tiefwasser oder kanadische Ölsande.

Der niedrige Ölpreis hat auch eine umweltpolitische Kehrseite. Alle Experten gehen davon aus, dass bald wieder mit Preisanstiegen zu rechnen ist. Erwartungshaltung führt wiederum dazu, dass Investoren insgesamt abwarten, wie sich die Preise entwickeln - und eben auch nicht in grüne Energien investieren. Diesen Stau an Investments kann die Politik auflösen, mit strengen Klimaschutzauflagen und verbindlichen Verpflichtungen über Klimaschutzziele. Solange diese ausbleiben, werden die Volkswirtschaften weltweit weiter an der Ölnadel hängen bleiben.

© SZ vom 30.12.2015
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