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Energieversorgung:Blick in den Abgrund

Eine Störung in Südosteuropa hätte vorige Woche um ein Haar einen großen Stromausfall provoziert. Gemerkt hat es in Deutschland niemand. Denn die Vorkehrungen haben funktioniert.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Warum der Timer am Herd pünktlich piept, ist den wenigsten Köchen geläufig. Die Uhr am Herd ist, wie so mancher Radiowecker, ans Stromnetz gekoppelt. Sie verlässt sich auf die Taktsignale der Leitung: 50 Hertz, das genau ist die Frequenz in Europas Stromnetz. So verlässlich, dass man buchstäblich die Uhr danach stellen kann. Normalerweise.

Am vorigen Freitag war das anders. Am frühen Nachmittag sackte die Frequenz ab, von 50 Hertz auf etwas mehr als 49,7 Hertz. Was nach einem minimalen Unterschied klingt und sich auf der Herduhr kaum bemerkbar macht, ließ Europas Netzbetreiber in den Abgrund schauen: So ähnlich nimmt ein Blackout seinen Lauf. Die Bundesnetzagentur spricht von einer "schwerwiegenden Störung", Europas Netzexperten haben eine Untersuchung eingeleitet.

Denn wie es zu dem plötzlichen Abfall kommen konnte, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass vorübergehend zu wenig Strom im Netz war und dass die Ursache im Südosten Europas lag. Um 14.05 Uhr trennte der sich vom europäischen Stromnetz. Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Kroatien, die Türkei, normalerweise über Leitungen an das kontinentaleuropäische Netz angebunden, gingen in den "Inselbetrieb". In Frankreich und Italien mussten Großverbraucher ihre Abnahme drosseln, um das restliche Netz wieder zu stabilisieren. Bis 15.08 Uhr dauerte der Spuk. Die Insel wurde wieder an den Rest angeschlossen, "synchronisiert", 20 Minuten später lief alles wie gehabt. Die Uhren tickten überall in Europa wieder gleich.

Der Winter, zumal mit einer Kältewelle im Südwesten, ist für Europas Stromnetz immer eine besondere Herausforderung. In Frankreich etwa spielen Elektroheizungen immer noch eine große Rolle: Sinkt die Temperatur, steigt der Strombedarf. Erst vorigen Donnerstag bat Frankreichs Netzbetreiber RTE die Franzosen, ihren Stromverbrauch am Freitagvormittag zu drosseln: ein Dutzend Atomkraftwerke sind nicht am Netz. Und auch hierzulande sind die Wintermonate die Zeit der Engpässe: Die Tage sind kurz, die Sonne scheint selten. Bleibt dann auch noch der Wind aus, kann es eng werden. Normalerweise hilft in diesen Stunden der europäische Verbund: Denn im Grunde wirkt dieses Netz mit seinen vielen Maschen wie eine Rückversicherung - wenn alles funktioniert.

Und das hat es, jedenfalls aus Sicht der Netzbetreiber. "Nachdem sich das Netz entkoppelt hatte, haben unsere Prozesse und Koordinationsmaßnahmen wie geplant gegriffen", sagt Hendrik Neumann, technischer Geschäftsführer beim Netzbetreiber Amprion. In seiner Leitwarte in Brauweile bei Köln koordinierte das Unternehmen quasi nach Drehbuch, wie sich die Taktung in Europa wieder stabilisieren lässt. Dabei halfen auch jene Firmen in Frankreich und Italien, die 40 Minuten lang ihren Verbrauch drosselten - um eine Leistung, wie sie drei Großkraftwerke liefern. Für solche Eingriffe schließen Netzbetreiber vorab Verträge mit Firmen.

In Mitteleuropa hat von all den Interventionen keiner etwas mitbekommen. Ein Risiko für die Stromversorgung habe nicht bestanden, heißt es bei der Netzagentur. Alles ist noch einmal gut gegangen, diesmal.

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