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Emilie Lieberherr:Tod einer Unbeugsamen

Energische Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht und eine der streitbarsten Figuren in der Schweizer Politik: Zum Tod von Emilie Lieberherr

Es hat lange gedauert, bis sich auch in der Schweiz die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Frauen höhere Bildung und politische Mitsprache zusteht. Im Jahr 1990 zwang das Schweizer Bundesgericht den Kanton Appenzell-Innerrhoden, den Frauen auch das kantonale Stimmrecht zu gewähren - die Appenzeller Stimmbürger sprachen sich bis zuletzt dagegen aus. Emilie Lieberherr hat sich immer geweigert, diese mittelalterlichen Zustände zu akzeptieren. Sie war Politikerin der ersten Stunde und vielleicht die energischste Vorkämpferin überhaupt für Frauenrechte in der Schweiz: Am Montag ist Emilie Lieberherr, eine der streitbarsten Figuren der Schweizer Politik, in Zürich gestorben.

Im März 1969 führt sie den "Marsch nach Bern" an: 5000 Frauen ziehen, mit Trillerpfeifen bewaffnet, gegen das Bundeshaus und fordern ihre Rechte ein. Der laute Auftritt, ein historisches Ereignis auf dem steinigen Weg der Schweizerinnen zum Wahlrecht, trägt Lieberherr später eine Überwachungsakte bei der Schweizer Polizei ein. Darum schert sich das Objekt der Überwachung herzlich wenig, zumal der Marsch letztlich Erfolg hat, 1971 erhalten die Schweizerinnen das Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene.

"Wenn sie etwas wollte, tat man besser daran, sich ihr nicht in den Weg zu stellen", sagte der schweizerische Sozialdemokrat Koni Loepfe über Emilie Lieberherr. Schon in jungen Jahren zeigt sie einen unbeugsamen Willen. 1924 im Schweizer Kanton Uri geboren, studiert sie in den fünfziger Jahren Wirtschaft in Bern, als Frauen an Schweizer Universitäten noch Seltenheitswert haben. Später reist Lieberherr nach Amerika, arbeitet als Kindermädchen für Henry Fonda und macht mit dessen Tochter Jane - der späteren Aerobic-Berühmtheit - Morgengymnastik zu Grammophonmusik.

1970 zieht sie für die Zürcher Sozialdemokraten (SP) als erste Frau in den Stadtrat ein, von 1978 bis 1983 ist sie auch eine der ersten Frauen im Schweizer Ständerat. In den achtziger Jahren überwirft sie sich mit ihrer Partei wegen der Jugendpolitik. Als sie 1990 auch noch statt ihres Parteikollegen den Kandidaten der liberalen FDP für das Stadtpräsidium unterstützt, reicht es der SP endgültig, und Lieberherr wird hochkant aus der Partei geworfen. Diese kleineren Spannungen sind heute längst vergessen: "Sie ist eine von uns", heißt es aus der SP inzwischen.

© sueddeutsche.de/woja

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