Ein Anruf bei Tamsin French:Reist ein Huhn quer durch Europa

Kennzeichnung von Geflügelfleisch gefordert

Tamsin French vor dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Berlin.

(Foto: dpa)

21 Staaten in 39 Tagen: Die britische Bäuerin Tamsin French will erreichen, dass Geflügelfleisch aus Massentierhaltung für Kunden klar erkennbar ist. Dafür erleidet sie selbst einige Strapazen.

Von Benedikt Becker

Sie war in London, dann in Amsterdam und jetzt ist sie in Berlin angekommen: Tamsin French, 23, ist Landwirtin aus Großbritannien. Genauer: Sie züchtet Freiland-Hühner. Glückliche Tiere, die man mit gutem Gewissen essen kann. Massentierhaltung lehnt French ab. Deshalb geht sie auf Europa-Tour. 39 Tage lang - so lange, wie so ein Fabrik-Huhn durchschnittlich lebt.

Süddeutsche.de: Frau French, ist es nicht sehr warm unter so einem Hühnerkostüm, vor allem wenn man es 39 Tage trägt?

Tamsin French: Ja, es ist schon ziemlich warm. Zum Glück sind wir zu dritt und wechseln uns jede halbe Stunde ab. Das Kostüm ist einfach eine tolle Möglichkeit, mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Und wir versuchen, uns regelmäßig zu erfrischen. Dann geht das schon.

Sie reisen durch 21 EU-Mitgliedsstaaten. Von Großbritannien aus ging es los, dann in die Niederlande, jetzt sind Sie in Deutschland. Wie reagieren die Menschen auf Sie?

Die Reaktionen waren fantastisch. In Amsterdam kamen ziemlich viele Touristen und wollten Fotos mit uns machen. Auch in Berlin sind wir super empfangen worden. Bei unserer Foto-Aktion vor dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft waren auch einige Journalisten da. Auf der Straße sprechen uns total verschiedene Menschen an. Fast jeder isst Hühner und deshalb interessiert es ja so viele.

Was wollen Sie mit Ihrer Reise im Kostüm erreichen?

Wir wollen, dass Geflügelfleisch in der Europäischen Union verpflichtend gekennzeichnet wird. Die Verbraucher sollen sehen, woher das Fleisch kommt, das sie kaufen. Vor allem sollen sie sehen, wie die Tiere gehalten wurden. Lebensmittel aus Massentierhaltung müssen eindeutig erkennbar sein.

Schon jetzt dürfen Geflügelanbieter besondere Haltungsformen freiwillig kennzeichnen. Reicht das nicht?

Die freiwillige Kennzeichnung ist super für Bio-Fleisch oder Hühner aus Freilandhaltung. Aber den Verbrauchern hilft das nur bedingt. Denn bei allen anderen Produkten können sie überhaupt nicht sehen, wie die Tiere gehalten wurden.

Hat die Europäische Union nicht längst beschlossen, dass auch Geflügelfleisch ab April 2015 mit Herkunftsangaben gekennzeichnet werden muss?

Ob auch die Art der Haltung angegeben werden muss, prüft die EU-Kommission erst in diesem Sommer. Und in Brüssel dauert ja alles immer sehr lange. Wir wollen Druck machen. Aus Umfragen wissen wir, dass 80 Prozent der EU-Bürger unsere Forderung unterstützen. Deshalb überzeugen wir die Menschen, die wir treffen, eine Petition zu unterschreiben. Die übergeben wir dann der EU-Kommission, wenn unsere Reise am 8. September in Brüssel endet.

Glauben Sie, dass die Menschen wirklich weniger Produkte aus Massentierhaltung kaufen, wenn diese als solche gekennzeichnet sind? Ist das nicht vor allem eine Frage des Preises?

Unser Ziel ist, dass die Menschen wirklich wissen, woher ihr Geflügelfleisch kommt. Es muss eine echte Wahlmöglichkeit geben. Wenn wir die Kennzeichnung dann haben, muss man schauen, welche Auswirkungen das hat. Ich bin aber zuversichtlich. Eier müssen ja bereits gekennzeichnet werden. Und da konnten wir sehen, dass seitdem deutlich mehr Eier aus alternativen Haltungsformen gekauft werden.

© Süddeutsche.de/mikö
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