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Dresden:Zwischen den Polen

Gedenken an die Zerstörung Dresdens

13 000 Bürger haben in Dresden eine Menschenkette gebildet, unter ihnen Sachsen Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU, Mitte).

(Foto: Oliver Killig/dpa)

Die sächsische Stadt gedenkt der allierten Bombenangriffe von 1945 mit einer Menschenkette - und probt die Abkehr von gewohnten Ritualen.

"Nix. Alles normal", sagt der Mann in Schwarz und macht es sich wieder auf der Rückbank des Polizeiwagens bequem. Einer von mehr als tausend Beamten, die an diesem Tag an die Elbe beordert worden sind. An der Kühlerhaube ziehen bunte Menschen vorbei, ein Lautsprecherwagen pumpt Sprechgesang in die Menge: "Hey Mr. Nazi, komm' auf meine Party". Normal - was heißt das eigentlich in einer Stadt wie Dresden?

Der 13. Februar ist der Tag, an dem die Dresdner der Zerstörung ihrer Stadt durch alliierte Bomber gedenken. In den vergangenen Jahren hatten Demonstrationen Rechtsextremer den Tag überschattet. Auch diesmal ziehen - bereits am Freitag - etwa 600 Neonazis mit Fackeln und Wagner-Beschallung durch die Außenbezirke der Stadt. Seit DDR-Zeiten steht hier eine Stele, die an die Opfer des "anglo-amerikanischen Bombenterrors" erinnert. Auch die Rechten benutzen diesen Begriff gern.

Früher reisten Tausende Neonazis aus ganz Europa an. Diesmal kamen noch 600 Rechtsextreme

Doch der Vorabend des Gedenktages ist mitnichten der Vorabend der Revolution. Hier zeigt sich der Rest der einstigen Strategie "Klittern statt Kleckern" - als über Jahre bis zu 6000 Neonazis aus ganz Europa nach Dresden reisten, um vor Barocker Kulisse vom Systemumsturz zu träumen. Damals war die Stadt einmal im Jahr im Ausnahmezustand. Das ist längst vorbei. Heute steht jeden Montag Pegida auf dem Theaterplatz.

In diesem Jahr gibt es erstmals keine zentrale Gedenkfeier. Dafür stehen viele kleine bürgerschaftlich organisierte Termine auf dem Gedenkzettel. Ein Ziel der dezentralen Andachten: die Entpolarisierung einer Stadt - mit Menschenkette als abschließender Teambildungsmaßnahme.

Das klappt nicht überall. Auf dem Altmarkt sammeln sich ein paar hundert AfD-Anhänger vor etwas, das aussieht wie ein himmelblauer Imbisswagen. Ein älterer Herr läuft auf dem Kopfsteinpflaster Schneisen. "Warum soll ich mich schämen?", steht auf seinem Pappschild. Heimatvertriebener sei er und "anerkanntes Bombenopfer". "Ich warte nur drauf, dass mir einer blöd kommt!", ruft der Mann, der sich für nichts schämt. Keiner kommt ihm blöd. Auch den drei Vermummten nicht, die zehn Meter weiter eine Reichskriegsflagge entrollen. Im Imbisswagen spricht derweil Matthias Scholz, Jugendbeauftragter und im Kreisvorstand der AfD Dresden, vom "Höllenfeuer" und vom Widerstand. Und dann ist da noch die Frau, die sich vor den 50 Gegendemonstranten aufbaut und brüllt: "Ihr sprecht ja nicht mal Sächsisch, Kommunistenviehzeug! Mein Blutdruck!"

Das mutet an wie ein Theaterstück, das schon sehr lange aufgeführt wird. Jeder kennt seine Rolle, gibt sein Bestes. Aber die Ränge sind nur halb voll, weil die Priorität mancher Menschen am Samstag eben Primark heißt - der Mode-Discounter. Also rüber zum Bahnhof, da startet der Mahngang Täterspuren. Zum fünften Mal spürt das "Bündnis Dresden Nazifrei" Orten der NS-Herrschaft nach. 1500 Menschen sind da. Der Tross zieht dort vorbei, wo vor 80 Jahren das Erbgesundheitsgericht stand und die Gauleitung der NSDAP, vorbei an Polizisten, die im Einsatzwagen dösen.

Der Oberbürgermeister verliest den Bericht eines Bombenangriffs. Aus Dresden? Nein, aus Syrien

Am Abend formiert sich die Menschenkette. 13 000 Dresdner fassen sich an den Händen. Zuvor hatte Oberbürgermeister Dirk Hilbert die Schilderung eines Bombenangriffs verlesen. Der Text stammt nicht aus jener Nacht im Februar 1945, sondern vom 15-jährigen Mohammed aus Syrien. "Wer sein Herz gegenüber denjenigen verschließt, die bei uns Schutz suchen, der hat die Botschaft des 13. Februars nicht verstanden", sagt Hilbert. Aus den Lautsprechern rieselt "Somewhere" aus dem Musical "West Side Story". Das hat mit Bomben wenig zu tun. Aber es gibt Lektionen über die Kraft der Liebe, verfeindete Gangs - und kein Happy End.

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