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Dresden:Bunt und friedlich gegen rechts

Gut eine Woche vor der Wahl in Sachsen demonstrieren in Dresden am Samstag etwa 40 000 Menschen für "Solidarität statt Ausgrenzung". Sie folgen einem Aufruf des Bündnisses #unteilbar, marschiert wird in Themenblöcken.

Demonstration des Bündnisses #unteilbar in Dresden

Nach dem #unteilbar-Marsch durch Dresden hören Demonstranten auf der Cockerwiese der Abschlusskundgebung zu.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Am Anfang: ein großes weißes Banner mit dem bunten Aufdruck "#unteilbar", getragen von einem Dutzend Hände. Am Ende: junge Menschen, die zu elektronischer Musik tanzen. Dazwischen: resolute Familien, skandierende Rentner, selbstbewusste Schüler, singende Geflüchtete, der Bundesfinanzminister, die Bundesvorsitzende der Grünen.

Die Aktivisten, Politiker und vor allem Tausende Bürger haben sich zusammengerauft, weil sie Haltung zeigen wollen. "Solidarität statt Ausgrenzung" lautet das Motto des Demonstrationszugs in Dresden. Organisiert und seit Monaten bundesweit mobilisiert hat ihn #unteilbar, ein Bündnis von etwa 400 zivilgesellschaftlichen Organisationen. Um die 40 000 Menschen sind dem Aufruf gefolgt, schätzen die Veranstalter hinterher. In fast 40 thematisch aufgeteilten Blöcken marschieren sie gerade durch Sachsens Landeshauptstadt - abgegrenzt, aber doch einig, so ist die Idee.

Während der SPD-Block am Ende an einen Trauermarsch erinnert und die Schüler im Klimablock in der Mitte professionell Parolen rufen, sind die ersten paar Blöcke von Musik und kreativen Schildern geprägt. Viele Grüppchen tragen ihr Hauptanliegen schon im Namen: "Lesben gegen rechts" oder auch Dutzende "Omas gegen rechts". Einige Großmütter haben ihre Enkel an der Hand. Statt an einem der letzten heißen Samstage des Sommers zum Baden zu fahren, marschieren sie vom Altmarkt zur Cockerwiese, über die Elbbrücken und an unzähligen Wahlplakaten vorbei.

Acht Tage noch bis zur Landtagswahl in Sachsen. Die AfD dürfte stark abschneiden, Umfragen sehen sie bei 25 Prozent auf Platz zwei hinter der CDU. Wer sich bei der Kundgebung umsieht, kann kaum glauben, wie stark der Rechtspopulismus hier ist und wie unzufrieden viele Sachsen sind. Fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung unterscheiden sich alte und neue Bundesländer sozioökonomisch noch deutlich voneinander. Die Demonstrierenden kommen aus Dresden oder sind aus Berlin und der ganzen Republik angereist.

Den Ruf der "Pegida-Stadt" wird Dresden nicht los - auch deshalb findet die Demo hier statt

Susanne Loewens kommt aus Berlin. Die 50-Jährige ist mit ihren betagten Eltern hier, "um ein Zeichen zu setzen gegen rechts". Sie seien ja selbst aus Ostberlin, deshalb erlaube sie sich zu sagen, wie "enttäuscht" sie von den Dresdnern ist. So schlecht, dass sie rechte Aufmärsche duldeten und rechte Parteien wählten, gehe es ihnen doch gar nicht.

Hier auf dem Altmarkt treffen sich regelmäßig Anhänger der Pegida-Bewegung, um ihre rassistischen und islamfeindlichen Parolen zu rufen. In Dresden formierten sich 2014 um Lutz Bachmann die selbsternannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" und protestierten im Jahr darauf zu Tausenden gegen die Aufnahme von Geflüchteten in Deutschland. Inzwischen kommen nur noch wenige Hundert; gelegentlich organisieren Gegendemonstranten genauso große Kundgebungen. Trotzdem wird Dresden den Ruf der "Pegida-Stadt" nicht los. Für die #unteilbar-Initiatoren ein Grund, die Stadt für ihre Kundgebung zu wählen.

Wie die Dresdner das finden? Einige Anwohner lehnen sich aus den Fenstern eines Plattenbaus und beobachten die Szenerie. Unten vor dem Haus tanzen Menschen barfuß zu der Musik einer Band, ein Stückchen weiter reißt ein Demonstrant ein AfD-Plakat von einem Laternenpfahl. Cornelia Bayer läuft auch mit den Demonstranten. Sie trägt ihr drei Monate altes Baby und versucht, ihren sechsjährigen Sohn vom Weglaufen abzuhalten. Familie Bayer lebt in Dresden. "Ich will zeigen, dass wir füreinander einstehen, dass sich nicht nur ganz linke Gruppen gegen rechts engagieren, sondern auch kleine Familien", sagt sie.

"Ganz linke Gruppen" wie die Antifa sind tatsächlich dabei, aber auch Grüne und SPD, Fridays for Future, kirchliche Organisationen, der Zentralrat der Juden und der Zentralrat der Muslime sowie bekannte NGOs wie Amnesty International oder das Bündnis Seebrücke. Seit die Organisatoren von #unteilbar im Oktober 2018 in Berlin eine Demonstration mit einer Viertelmillion Teilnehmern auf die Beine stellten, sind sie bekannt und anerkannt. Ein Auslöser waren die rassistischen Aufmärsche in Chemnitz und Köthen gewesen, wo Rechtsextreme Tötungsdelikte, an denen Asylsuchende beteiligt waren, für ihre Propaganda nutzten. In Chemnitz kam es zu Hetzjagden, die der damalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen leugnete, was zu einer Regierungskrise führte; am Ende verlor Maaßen seinen Job. Die Demonstration in Dresden findet zwei Tage vor dem Jahrestag des Todes von Daniel H. in Chemnitz statt. Aber es gab auch Kritik an #unteilbar.

Auf der Kundgebung in Berlin hatten Redner Israel kritisiert, Teilnehmer der FDP-Jugendorganisation Junge Liberale berichteten von verbalen Attacken. In diesem Jahr registriert die Polizei allerdings keine derartigen Zwischenfälle, sie ist auf der Demonstration nur grüppchenweise unterwegs, die Polizisten tragen ihre Helme in der Hand statt auf dem Kopf. "Defensives Einsatzkonzept" nennt Sachsens Polizei das auf Twitter.

Polizisten tauchen nur in kleinen Gruppen auf, ihre Helme tragen sie in der Hand statt auf dem Kopf

Die Veranstalter von #unteilbar zeigen sich zufrieden. "Ich fand die Stimmung ganz toll, es war eine unglaublich bunte Demonstration", sagt Sprecher Maximilian Becker. "Viele Menschen sind mit Fahnen gekommen oder in bunter Kleidung, der Klimablock ist sehr gut in Grün gelaufen. Ich bin von dem Ausdruck und der Kreativität beeindruckt." Was Becker außerdem beschreibt: Als diejenigen, die das große weiße Frontbanner trugen, auf der Cockerwiese ankamen, tanzten die letzten Teilnehmer auf dem Altmarkt gerade erst los. Ein Demonstrationszug, so lang wie die ganze Innenstadt.

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