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Donezk in der Ostukraine:Wie Donezk den Alltag meistert

Clashes escalate in eastern Ukraine

Regionalverwaltung in Donezk: Am ersten Sonntag im April stürmten die Rebellen den Verwaltungssitz, mittlerweile stehen Panzer vor dem Gebäude.

(Foto: dpa)

Die Beamten in Donezk arbeiten in notdürftig hergerichteten Büros, seitdem Separatisten die Verwaltung besetzt haben. Unter widrigen Umständen müssen sie nun den Alltag eines Gebiets mit mehr als vier Millionen Einwohnern organisieren. Den Finanzverkehr tasten die prorussischen Kräfte bewusst nicht an.

Eine Reportage von Florian Hassel, Donezk

Könnte Jelena Ljubimowa die Uhr noch einmal zurückdrehen, würde sie es natürlich anders machen mit der Dokumentensicherung. Schließlich hatten Ljubimowa und ihre Kollegen ja eine zweite Chance bekommen: Eine Woche, nachdem Hunderte prorussische Separatisten in Donezk Anfang März zum ersten Mal den Sitz der Verwaltung und des Gouverneurs der Region erstürmt hatten, brachte die Polizei die Separatisten mit einem Trick - einer angeblichen Bombenwarnung - dazu, das Gebäude noch einmal zu räumen. Und Ljubimowa, Vize-Leiterin der Dokumentenregistratur, durfte in ihr Büro zurück.

"Alles war in gutem Zustand, nichts zerstört", sagt Ljubimowa, eine elegante blonde Frau in blauer Bluse und weißem Rock. "Wir haben keine weiteren Vorsichtsmaßnahmen getroffen - schließlich dachten wir ja, dass der Spuk vorüber sei." Doch da irrte sie sich. Am ersten Sonntag im April stürmten die Rebellen den Verwaltungssitz erneut - und bauten ihn zu einer waffenstrotzenden Militärburg um. In den folgenden Tagen durften Ljubimowa und ihre Kollegen noch mehrmals über die Barrikaden der Rebellen klettern und in ihre Büros gehen. Sie waren entsetzt. "Unsere Computer, die Büroeinrichtung - fast alles war beschädigt, zertrümmert, gestohlen."

Verwaltungssitz der Region Donezk, das klingt zunächst wie eine Kreisbehörde. Tatsächlich ist es eher so, als wären in einem deutschen Bundesland der Ministerpräsident und seine Schlüsselminister aus der Staatskanzlei und mehreren Ministerien geflogen, dazu die Parlamentarier aus dem Landtag. Im Flächenstaat Ukraine, nach Russland das zweitgrößte Land Europas, ist allein die Region Donezk deutlich größer als etwa Hessen.

Tausend Staatsdiener arbeiten für den Gouverneur

Und deshalb arbeiten dem Gouverneur neben Jelena Ljubimowa etwa tausend weitere Staatsdiener zu und kümmern sich um die Belange der 4,4 Millionen Bürger sowie Tausender Unternehmen in der von Kohleförderung und Stahlverarbeitung geprägten Region. Auch das Regionalparlament tagte im Verwaltungssitz.

"Als die Separatisten das Gebäude zum ersten Mal stürmten, wollten die Abgeordneten gerade eine Petition über die Rolle der russischen Sprache und über mehr Macht für die Regionen beschließen und an die Regierung nach Kiew schicken", sagt Abteilungsleiterin Irina Timoschenko. "Dazu kam es nicht mehr. Jetzt regieren bei uns Bewaffnete mit der Sprache der Gewalt." Gouverneur und Verwaltung arbeiten weiter - improvisiert, wie in einem Erdbebengebiet. Und das liegt nicht nur daran, dass sie aus ihren Büros vertrieben wurden und nun notdürftig in zehn anderen Verwaltungsgebäuden der Stadt Unterschlupf gefunden haben. "Vor zehn Jahren haben wir uns angesehen, wie Polen seine Verwaltung modernisiert hat, seitdem verwalten wir alle Dokumente, Anträge, Anweisungen und Gesetze elektronisch", sagt Timoschenko. "Alle Abteilungen und Behörden sind miteinander verbunden. Und die Bürger konnten über das Internet mit uns Kontakt aufnehmen."

Anfang April aber rissen die Rebellen in Donezk das Herz aus dem Regierungssystem. Sie zerschnitten die Kabel der Server, die Gouverneur und Verwaltung mit anderen Abteilungen verbanden, mit allen Städten und Gemeinden der Region - und mit Kiew. Auch der Zugang zu den gespeicherten Datenbanken und Archiven des vorigen Jahrzehnts war gekappt. "Wir haben fast alles verloren und keine Ahnung, ob die Separatisten nur die Verbindung gekappt oder die Server ebenso zerstört oder geplündert haben, und die Daten unwiderruflich verloren sind", sagt Ljubimowa.

Das Einzige, was ihre Kollegen und sie retten konnten, waren ausgedruckte Akten wie die Dienstanweisungen des Gouverneurs aus den vergangenen fünf Jahren. Die stopften Ljubimowa und ihre Kolleginnen in weiße Müllsäcke und schleppten sie an den Maskierten vorbei durchs Treppenhaus und über die Barrikaden ins Freie.

Rebellen überlassen der Verwaltung die Organisation

In einem anderen Verwaltungsgebäude von Donezk teilen sich Ljubimowa und 21 Kolleginnen der Registratur jetzt ein 24-Quadratmeter-Zimmer und zwei betagte Computer. In der Ecke stehen die Säcke mit den geretteten Akten, auf einem Schreibtisch die Computer: Der eine dient zum Einscannen neu eintreffender Dokumente, der zweite für alles andere. "Das meiste machen wir wieder per Handarbeit - wie in den vergangenen Jahrzehnten." Neben Ljubimowa steht ein Pappkarton mit handgeschriebenen Dokumenten: "Für den Ministerrat der Ukraine". Besonders wichtige Dokumente werden von besonderen Regierungskurieren transportiert. Für den großen Rest benutzen die Beamten, da sie mit ihren Büros auch ihre Telefonnummer und mit dem Server auch den Zugang zu ihren Dienst-E-Mail-Adressen verloren haben, Handys und private Mail-Adressen. Gouverneur Sergej Taruta residiert seit der Erstürmung seines Büros in einem Hotel. "Wenn wir dem Gouverneur etwas schicken, rufen wir seinen Assistenten auf dem Handy an und sagen: Sieh mal in deine Mail - wir haben dir was für den Chef geschickt", erzählt Irina Timoschenko.

Die Rebellen überlassen der etablierten Verwaltung nicht nur gern die Organisation der 61 Sommerlager, in denen 215 000 Kinder aus der Region in diesen Monaten mehrere Wochen Urlaub verbringen dürfen, sondern auch das sonstige Verwalten und Regieren. In der Rebellenhochburg Slawjansk und einem anderen Ort musste die Verwaltung vor einigen Tagen Zahlungen einstellen. Sonst aber werden Löhne, Kindergeld und Renten in der Region Donezk dem Gouverneur Taruta zufolge weiter ausgezahlt. Im März stürmten die Rebellen zwar die Staatskasse. "Aber als sie feststellen mussten, dass es dort kein Bargeld gab, sondern alles per Überweisung abgewickelt wird, zogen sie wieder ab", sagt Tarutas Sprecher Ilja Susdaljew. Wie bisher werden Steuern gezahlt, Löhne und Renten weiter auf Bankkonten überwiesen - oder vom Postboten ins Haus gebracht.

"Die Separatisten haben den Finanzverkehr bewusst nicht angerührt", sagt Susdaljew. "Die meisten ihrer Anhänger sind arme Bürger oder Rentner, die von staatlichen Zahlungen abhängen. Wenn die ihr Geld nicht mehr pünktlich bekommen, ist es mit der Unterstützung für die Separatisten schnell vorbei. Und den Separatisten fehlen erstens die Fachleute, die sich mit Finanzen und anderen Verwaltungsangelegenheiten auskennen. Und zweitens bekommt unsere Region entgegen der Propaganda der Separatisten einen großen Teil ihres Geldes von der Regierung in Kiew." Würden die Separatisten in die Finanzämter einziehen, würde die Regierung in Kiew die Überweisungen wohl sofort stoppen.

Neuer Server in Deutschland

Wo genau die aus dem Gouverneurssitz vertriebenen Dienststellen und Beamten in Donezk untergekommen sind, ist vertraulich, die neuen Adressen werden nicht veröffentlicht. Für solche Vorsicht haben die Beamten gute Gründe: Regierungstreue Polizeibeamte und Schullehrer, Wahlkommissionsleiter und andere Beamte wurden von den Separatisten entführt, längst nicht alle wieder freigelassen, einige wurden ermordet. Bürger, die wichtige Dokumente benötigen, werden nach Prüfung per Mobiltelefon einzeln zur jeweils zuständigen Dienststelle bestellt. Das gilt auch für die Vertreter von Firmen, die Genehmigungen für Ein- oder Ausfuhren benötigen oder eine Sicherheitsbescheinigung für eines der zahlreichen Kohlebergwerke der Region benötigen.

Irina Timoschenko, der von der Personalabteilung bis zu den Finanzen 152 Mitarbeiter unterstehen, teilt sich im Notquartier ein Büro mit Kolleginnen anderer Abteilungen. Jelena Kupiljowa von der Bürgersprechstunde zum Beispiel empfängt gewöhnlich etwa 300 Bürger im Monat. Gerade kümmert sie sich um den Brief eines Dorfbewohners in der Nähe von Donezk, der darum bittet, den Betrieb auf einer eingestellten Buslinie wieder aufzunehmen. "Physische Sprechstunden haben wir aus Sicherheitsgründen fürs Erste eingestellt. Die Bürger können uns nur schreiben - an unsere alte Adresse am Puschkin-Boulevard 34", sagt Kupiljowa. "Da sitzen zwar jetzt die Separatisten, aber wir holen die gesamte Post jetzt direkt beim Postamt ab."

Auch im Internet geht das Regierungsgeschäft auf der improvisierten Seite donpress.com weiter. Schon verhandeln die Beamten von Gouverneur Taruta über die Restaurierung des Datenverkehrs - der neue Server soll vorsichtshalber in Deutschland stehen.

© SZ vom 30.05.2014/mane
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