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Diplomatie:Datenspur nach Peking

US-Präsident Donald Trump (links) mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin in Helsinki. EU-Diplomaten schrieben in einer der entwendeten Depeschen, das Treffen im Juli sei „erfolgreich (zumindest für Putin)“ verlaufen.

(Foto: Brendan Smialowski/afp)

Bei einem Angriff auf ein Netzwerk der Europäischen Union entwenden Hacker Tausende diplomatische Depeschen zur Weltpolitik. Eine Sicherheitsfirma in den USA verdächtigt China, hinter der Attacke zu stecken.

Hacker sollen Tausende Nachrichten von Diplomaten der Europäischen Union bei einem Angriff auf ein internes EU-Netzwerk erbeutet haben. Über Jahre sollen die Angreifer dabei Zugriff auf die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern gehabt haben, wie die amerikanische Zeitung New York Times am Dienstag berichtete. Bei den gestohlenen Nachrichten soll es sich um sogenannte Depeschen handeln, die Diplomaten und Regierungsmitglieder untereinander austauschen.

Die mutmaßlich gestohlenen Dokumente geben tiefe Einblicke in die Arbeit der EU-Diplomaten sowie die europäische Perspektive auf Entwicklungen in der internationalen Politik in den vergangenen Jahren. Bei den abgesaugten Berichten soll es sich unter anderem um Gespräche zwischen Staats- und Regierungschefs von den USA, Saudi-Arabien, Israel und anderen Ländern handeln, die die Diplomaten innerhalb des europäischen Netzwerkes verbreitet hatten. Darunter beispielsweise die Zusammenfassung eines Gesprächs zwischen Vertretern der Europäischen Union und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping: Letzterer wird demnach in dem Bericht mit den Worten zitiert, die Schikanen des US-Präsidenten Donald Trump gegenüber Peking glichen "einem Freestyle-Boxkampf ohne jegliche Regeln". Über ein Treffen zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin soll ein EU-Diplomat in einem Bericht erklärt haben, dass dieses "erfolgreich (zumindest für Putin)" verlaufen sei.

Andere Nachrichten befassen sich mit dem Handelsstreit zwischen China und den USA oder kommentieren die Politik von US-Präsident Trump. Zahlreiche Berichte drehen sich laut New York Times um den Krieg in der Ostukraine und den Konflikt zwischen Kiew und Moskau. In einem Bericht vom Februar wird demnach durch die EU-Diplomaten gewarnt, Russland habe womöglich atomare Gefechtsköpfe auf der 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim stationiert. Unter den durch die Hacker abgefangenen Analysen soll es auch Hinweise auf das angespannte Verhältnis zwischen der EU und den USA geben. So wird die stellvertretende Leiterin der EU-Mission, Caroline Vicini, in Washington zitiert, die die USA zwar "als unseren wichtigsten Partner" bezeichne. Gleichzeitig gebe es aber auch zahlreiche Konfliktfelder. Darunter in der Haltung gegenüber dem Klimawandel und bei den US-Sanktionen gegen Iran.

Es handelt sich bei den Dokumenten nicht um Unterlagen, die als streng geheim eingestuft wurden. Diese würden über ein anderes und stärker gesichertes Netzwerk verschickt, heißt es aus Brüssel. Das Generalsekretariat des Rats zeigte sich trotzdem besorgt und erklärte, der Fall werde untersucht. Weitere Angaben zu den Anschuldigungen oder konkreten Maßnahmen machte die Behörde nicht. Sie versicherte allerdings, dass man die Sicherheit ihrer Einrichtung und der IT-Systeme "extrem ernst" nehme.

Seit eineinhalb Jahren sollen Hacker aus China versuchen, in US-Systeme einzudringen

Entdeckt haben soll das Leck die amerikanische Sicherheitsfirma Area 1 mit Sitz in Kalifornien. Mehr als 1100 der gestohlenen Depeschen soll das Unternehmen der New York Times zur Verfügung gestellt haben. 88 Seiten mit den angeblich bei dem Angriff gestohlenen Nachrichten veröffentlichte die Zeitung am Dienstag frei zugänglich auf ihrer Internetseite. Die Experten der Sicherheitsfirma gehen davon aus, dass hinter dem Angriff auf die EU-Kanäle die chinesische Volksbefreiungsarmee steckt. Das Vorgehen beim Angriff soll dem Muster der Hacker des chinesischen Militärs ähneln.

Damit würde es sich bereits um den zweiten in den vergangenen Wochen bekannt gewordenen Angriff handeln, bei dem von einer Beteiligung Chinas ausgegangen wird. So sollen auch bei dem im November öffentlich gemachten Angriff auf die Hotelkette Starwood, eine Marriott-Tochter, Mitarbeiter des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit beteiligt gewesen sein. Bei der Attacke wurden die Daten von bis zu einer halben Milliarde Hotelgästen weltweit entwendet. US-Diplomaten und Behördenmitarbeiter sollen häufiger in den Hotels der Kette absteigen.

Die amerikanischen Behörden gehen davon aus, dass der Angriff auf das IT-System der Hotelkette möglicherweise Teil eines umfassenderen Spionage-Angriffs durch chinesische Hacker gewesen sein könnte. Seit anderthalb Jahren sollen Hacker aus China systematisch versuchen, in Systeme von amerikanischen Unternehmen und Behörden einzudringen. Washington soll seit September großflächige Aktionen gegen die Angreifer planen. Wie die SZ in ihrer Ausgabe vom Mittwoch berichtete, informierten die USA die Bundesregierung bereits über die geplanten Maßnahmen, da auch deutsche Unternehmen von den Angriffen betroffen sein sollen. Diese erhielten wiederum bereits Nachricht aus Berlin.