Ausreisesperre Dilek Dündar ist aus der Türkei geflohen

Drei Jahre lang war Dilek Dündar von Ehemann und Sohn getrennt. Ihr türkischer Pass wurde eingezogen.

(Foto: Jens Jeske/imago)
  • Dilek Dündar, Ehefrau des Exil-Journalisten Can Dündar, ist nun auch in Deutschland.
  • Ihre Flucht könnte ein neuer Streitpunkt in den deutsch-türkischen Beziehungen werden.
  • Präsident Erdoğan hat ihren Ehemann bei seinem Deutschlandbesuch im September 2018 als "Verbrecher" und "Agenten" bezeichnet und seine Auslieferung an die Türkei verlangt.
Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Über den Weg, auf dem sie die Türkei verlassen hat, möchte Dilek Dündar nichts sagen. Diese "Geschichte" wolle sie für sich behalten, sagt die Ehefrau von Can Dündar, Ex-Chefredakteur der türkischen Oppositionszeitung Cumhuriyet. Am Dienstag, den 11. Juni, ist Dilek Dündar in Berlin angekommen, wo ihr Mann seit dem Sommer 2016 im Exil lebt. Bekannt gemacht hat sie ihre Flucht erst am Freitag. Es sei ein "großartiges Gefühl", nach fast drei Jahren erzwungener Trennung die eigene Familie wiederzusehen, sagte Dilek Dündar einer türkischen Journalistin am Telefon. Das kurze Gespräch ist auf der türkischen Nachrichtenseite Duvar zu hören. Die türkischen Behörden hatten Dilek Dündar nach der Ausreise ihre Mannes den Reisepass entzogen.

Das Regierungsblatt Sabah spekulierte sofort über eine Fluchthilfe "durch den deutschen Geheimdienst", weil Dilek Dündar den Sicherheitsbeamten zu bekannt sei, um "mit einem gefälschten Pass" das Land zu verlassen. Flüchtlinge aus der Türkei nehmen häufig große Gefahren auf sich, sie überqueren in Booten illegal die Ägäis, oder einen griechisch-türkischen Grenzfluss. Dilek Dündars Flucht könnte ein neuer Streitpunkt in den deutsch-türkischen Beziehungen werden. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte bei seinem Deutschlandbesuch im September 2018 den mit vielen Preisen ausgezeichneten Journalisten als "Verbrecher" und "Agenten" bezeichnet und von Berlin seine Auslieferung an die Türkei verlangt.

Dilek Dündar wurde der Pass am Flughafen in Istanbul weggenommen, als sie ihrem Mann 2016 folgen wollte

Can Dündar wurde in der Türkei zu fast sechs Jahren Haft verurteilt, wegen der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen. Er legte Berufung ein. Am 9. März 2018 kassierte das höchste türkische Revisionsgericht das Urteil als zu milde. Dündar und die Cumhuriyet hatten im Mai 2015 unter der Überschrift "Hier sind die Waffen, die Erdoğan leugnet" über angebliche Munitionslieferungen des türkischen Geheimdiensts an islamistische Milizen in Syrien im Jahr 2014 berichtet. Erdoğan stellte damals persönlich Strafanzeige. Dündar wurde festgenommen, jedoch nach drei Monaten Untersuchungshaft auf Intervention des türkischen Verfassungsgerichts Ende Februar 2016 wieder auf freien Fuß gesetzt. Ein Gericht hob auch sein Ausreiseverbot auf. Dilek Dündar aber wurde der Pass am Flughafen in Istanbul weggenommen, als sie ihm 2016 folgen wollte.

Dilek Dündar im Mai 2016 neben ihrem Mann Can Dündar, der damals Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" war.

(Foto: dpa)

Am 11. Februar 2019 veröffentlichte sie eine knapp fünfminütige Videobotschaft. Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Dokumentarfilmerin beklagte, sie werde "als Geisel" für ihren Mann festgehalten. Alle Versuche, vor Gericht gegen die "illegale Ausreisesperre" vorzugehen, hätten nichts gebracht, obwohl es "keine Anschuldigungen, keine Ermittlungen, kein Verfahren" gegen sie gebe. Dilek Dündar berichtete auch, man habe ihre Bankkonten gesperrt und die Zwangsvollstreckung ihrer Wohnung in Istanbul eingeleitet, da sie wegen ihrer Situation einen Kredit nicht mehr bedienen könne. "Mein Fall ist einer von Tausenden unbegründet bestrafter Ehepartner." Auch die Uniabschlussfeier ihres Sohnes, der ebenfalls im Ausland lebt, habe sie verpasst. Nun feierte sie mit ihrem Mann am Sonntag dessen 58. Geburtstag.

In einem anderen Konfliktfall gab es jetzt Entspannung. Ein Gericht hob die Ausreisesperre für den Kölner Sozialarbeiter Adil Demirci auf, der in der Türkei wegen Terrorvorwürfen angeklagt ist. Zu spät für den 33-Jährigen, um seine Mutter noch lebend zu sehen. Sie starb am vergangenen Mittwoch in Köln nach langer Krebserkrankung.

Politik Türkei Eine gefährliche Spende

Annullierte Wahl in Istanbul

Eine gefährliche Spende

Eine junge Türkin spendet drei Euro für den Istanbuler Oppositionskandidaten und veröffentlicht die Quittung im Internet. Wenig später wird sie niedergestochen.   Von Christiane Schlötzer