Digitalisierung:"Wenn sich der Lehrer auskennt, ist es cool"

Digitalisierung: Günter Steppich, 58, lehrt Englisch und Sport an der Gutenbergschule Wiesbaden. Zudem ist er als Experte für Medienerziehung und Jugendmedienschutz am Schulamt für Wiesbaden und für das Hessische Kultusministerium tätig.

Günter Steppich, 58, lehrt Englisch und Sport an der Gutenbergschule Wiesbaden. Zudem ist er als Experte für Medienerziehung und Jugendmedienschutz am Schulamt für Wiesbaden und für das Hessische Kultusministerium tätig.

Fehlende Techniker, leere Akkus und ahnungslose Nutzer: Ein Pädagoge über die Praxisprobleme im Unterricht.

Interview von Susanne Klein

SZ: Herr Steppich, stimmt es, dass Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen ein Entwicklungsland ist?

Günter Steppich: Absolut. 1999 und 2001 habe ich Schüler zum Austausch nach England und in die USA begleitet. Die Schulen dort waren besser versorgt, als es heute bei meiner eigenen Schule der Fall ist.

Was hatten die, was Sie nicht haben?

Je einen hauptamtlichen Systemadministrator und Techniker. Die Lehrer mussten das nicht noch nebenher machen. Sie haben mit den digitalen Mitteln ausschließlich pädagogisch gearbeitet.

An Technik mangelt es nicht?

Von der Ausstattung her steht meine Schule ganz gut da. Aber wir brauchen denselben professionellen Support, der auch in Firmen und Behörden Standard ist: Ideal wäre eine Vollzeitkraft auf 100 Geräte.

Und an Ihrer Schule bügelt ein Lehrer die Personallücke aus?

Ja, aber der Kollege, der bei uns die IT für 130 Geräte macht, geht bald in Pension. Ich bin gespannt, wer ihn ablöst.

Setzen Sie Hoffnung auf den Digitalpakt der Bundesbildungsministerin?

Die fünf Milliarden von Frau Wanka wären eine Chance. Wenn die aber nur in Hardware investiert werden statt in Support, dann haben wir ein Milliardengrab.

Der Bund will in schnelles Wlan und stationäre Hardware investieren. Für mobile Endgeräte, Support und didaktische Konzepte sollen die Schulträger sorgen, also die Städte und Gemeinden.

Und wenn die in Geldnot sind oder keinen Support für Geräte zahlen wollen, die sie nicht ausgesucht haben, dann wird es schwierig.

Heißt das, je nach Stadtkasse könnten Schüler unterschiedlich gut auf die digitale Welt vorbereitet werden?

Ja, nicht jede Schule hat wie meine dank wohlhabender Eltern einen Förderverein, der aus Spenden 25 000 Euro für Tablets zuschießen kann, die weit günstiger im Support sind als Computerräume.

Wie viele Tablets hat Ihre Schule?

Vier Wagen mit je einem Klassensatz. Die Tablets müssen nach Benutzung wieder ans Ladegerät im Wagen gehängt werden. Das vergessen Kollegen öfter mal. Dann kommt der nächste, findet sie leer vor und kann die geplante Stunde vergessen.

Was dann?

Plan B, analog. Man muss immer doppelt planen. Auf Dauer geht das nicht.

Und wenn die Tablets geladen sind?

Dann lasse ich die Schüler zum Beispiel in Englisch Shortstorys schreiben. Die laden sie auf die Lernplattform des Schulnetzwerks hoch, wo die anderen sie lesen und kommentieren können. Aber wir benutzen die Tablets auch für Mathematikprogramme, Biologie-Lehrvideos oder um in Physik Experimente anzuschauen.

Nutzen Lehrer die Lernplattform gern?

Von den 110 Lehrern an unserer Schule nutzen sie nur ganz wenige.

Warum denn das?

Weil sich die anderen da auch wieder einarbeiten müssten, was viele mangels Zeit und Fortbildung gar nicht schaffen.

Braucht es mehr Schulungsangebote?

Ja, und zwar spezifisch für jedes Fach. Mit Glück übernehmen das fitte Kollegen. Schulungen von Externen passen oft nicht gut genug zu unserer Berufswirklichkeit.

Wie fit sind die Nachwuchslehrer?

Von den gut 100 Referendaren, die ich jährlich in Medienerziehung ausbilde, kennt kaum einer sich aus mit der für Schüler wichtigsten App nach Whatsapp und Instagram: mit Snapchat. Viele Lehrer haben zu Technik einfach keinen Draht.

Müsste sich die Ausbildung ändern?

Ja, das Digitale sollte an der Uni in jedem Fachbereich enthalten sein - so, dass kein Student daran vorbeikommt. Und jeder sollte einen Medienschein erwerben.

Kritiker bezweifeln, dass digitale Medien den Unterricht verbessern.

Bei einem wissenschaftlich begleiteten Tablet-Projekt an vier Wiesbadener Schulen haben die Schüler ganz klar gesagt: Wenn sich der Lehrer auskennt, ist es cool, man lernt was, vielleicht sogar mehr als sonst, weil es so viel Spaß macht. Bei Lehrern, die mit Beamer und Whiteboard kämpfen, sei es Zeitverschwendung, sagen sie.

Geben Sie uns ein Beispiel für "mehr Lernen durch Spaß"?

Die Rede eines US-Präsidenten. Wenn sie jeder Schüler in seinem Tempo auf seinem Tablet hören kann, zurückspulen, erneut hören, im Internet ein Wort nachschlagen, dann macht das mehr Spaß, und es bleibt mehr hängen. Das Gegenteil von Frontalunterricht. Jeder ist ein anderer Lerntyp.

Welche digitalen Mittel lehnen Sie ab?

Smartphones in den unteren Klassen. Weil die Kinder in dem Alter noch nicht dem Spaßfaktor der Geräte widerstehen können. Meine Achtklässler dürfen ungefragt ihre Handys auf dem Tisch haben. Im Flugmodus! Im Offline-Wörterbuch finden wir Vokabeln viel schneller als im Englischbuch. Wenn ich mitkriege, dass jemand eine Whatsapp-Nachricht liest, ist das Handy weg. Und dann müssen die Eltern es abholen.

© SZ vom 09.08.2017
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