Dieter Hildebrandt über Heiner Geißler:Von der Frechheit, die Wahrheit zu sagen

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Geißler wird 80: Kohls einstiger Demagoge ist heute der Konservative, den die CDU am meisten hasst. Dafür bewundere ich ihn.

Dieter Hildebrandt

Ich gebe zu: Früher haben wir Kabarettisten Heiner Geißler als einen üblen Demagogen empfunden.

Er war ein Mensch, der Argumente wie ein gerissener Advokat ausgenutzt hat. Der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler war hinterhältig, listig und gemein. Dafür haben wir ihn gehasst - und natürlich auch ein wenig bewundert.

Auch er wurde Opfer von Helmut Kohl. Dieser Kanzler hat es fertiggebracht, in der Republik eine Quasi-Monarchie zu etablieren: Und so hat er regiert. König Helmut I. trieb Hausmacht-Politik, um sich herum baute er ein Netz von Vasallen auf.

Dann brauchte er nur anzurufen und zu sagen: "Entlass den, stell den an, haut die da weg, der darf Karriere machen - und der nicht." Das klappte auch prima in Redaktionen. In der CDU erst recht - siehe Geißler.

Der wurde von Kohl eingestampft, weil er den Kanzler durchschaut hatte: Da wollte der Demagoge kein Demagoge mehr sein.

Es lag nicht daran, dass er keinen hohen Job mehr hatte wie den des Generalsekretärs oder einen Ministerposten. Nein: Heiner Geißler hat wirklich nachgedacht. Über diese Republik, über seine Partei, über Helmut Kohl.

Eine echte Wesensänderung

Die Erkenntnis, so viele Jahre für einen solchen Mann gekämpft und die Drecksarbeit verrichtet zu haben, muss fürchterlich gewesen sein.

Kein Zweifel: Heiner Geißler hat eine echte Änderung seines Wesens vollzogen. Inzwischen sitzt der frühere Jesuitenschüler da, als wäre er tatsächlich ein Mönch geworden.

Er besitzt nun die Frechheit, offen zu sagen, was er für richtig - was er für die Wahrheit hält. Geißler ist wohl der Christdemokrat, den sie in der Union am meisten hassen. Dafür bewundere ich ihn!

Nun wird Heiner Geißler 80 Jahre alt und Kohls Mädchen Merkel gratuliert ihm eifrig. Ich hoffe nur, dass der Jubilar das aushält.

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