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Deutsche Post:Leben in der Mikrozelle

Wie die Bewohner einer Straße politisch ticken, lässt sich aus vielen Daten ermitteln - der Zahl der Autos etwa. Das nützt einer Post-Tochter und ihren Kunden.

Die Deutsche Post will, dass der klassische Werbebrief auch im Internet-Zeitalter nicht ausstirbt: Mehr als acht Milliarden Stück hat der Konzern allein im vergangenen Jahr ausgetragen. Werbung macht mithin fast die Hälfte des Briefverkehrs in Deutschland aus. Es ist also im Interesse der Post, dass Werbetreibende glauben, ihre vielen Briefe kämen auch in den richtigen Haushalten an.

So kommt es, dass das frühere Staatsunternehmen selbst einen Adressdienstleister besitzt: die Deutsche Post Direkt GmbH mit Sitz in Troisdorf bei Bonn. Diese Tochterfirma half im Bundestagswahlkampf der CDU und der FDP dabei, vor allem in Straßenzügen zu werben, in denen dies vielversprechend erschien. Doch auch Unternehmen und Verbände beauftragen Post Direkt seit Jahren damit, möglichst treffsichere Verteiler für Werbebriefe zu erstellen. Dank einiger Kniffe zeigt sich der Konzern gewiss, mit seiner Tochter nicht gegen Datenschutzgesetze zu verstoßen.

Post Direkt pflegt eine Datenbank mit 46 Millionen Adressen, das entspricht einem Großteil der Haushalte in Deutschland. Zudem erfährt das Unternehmen aus öffentlichen Sterbedateien, welche Haushalte aufgelöst wurden. Bereits diese Zusammenstellung dient der Vermarktung: So bietet Post Direkt anderen Unternehmen an, deren Kundenverteiler zu aktualisieren, um Irrläufer zu vermeiden. Je mehr Adressen die Post-Tochter korrigiert, desto mehr verdient sie.

Auf Wunsch zieht Post Direkt auch öffentliche Statistiken heran. Die Firma weiß beispielsweise von jedem Stimmbezirk, wie erfolgreich einzelne Parteien bei vergangenen Wahlen waren. Sie kennt das Verhältnis von Mietern und Wohnungseigentümern, die Zahl der Autos oder die Kaufkraft in bestimmten Vierteln. Aus derlei Quellen errechnet die Post-Tochter beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Straßenzug viele konservative Wähler wohnen. Solche anonymen Analysen geben Unternehmen, Parteien oder Verbände in Auftrag, um ihre Werbung effizienter zu streuen.

Missbrauchsvorwürfe weist der Konzern zurück. "Die Behauptung, die Deutsche Post oder eine ihrer Tochterfirma würden Daten 'verhökern', trifft nicht zu", heißt es in Bonn. So analysiere Post Direkt keine einzelnen Haushalte, sondern sogenannte Mikrozellen - also etwa ein Mehrfamilienhaus oder einen Straßenzug mit Eigenheimen. Jede Mikrozelle müsse aus mindestens sechs Haushalten bestehen, damit die Daten keine Rückschlüsse auf Einzelne zulassen. Überdies dürfe die Tochterfirma nicht auf die Zustelldaten der Deutschen Post zugreifen. Briefboten griffen also keine Haushaltsdaten ab. "Das ist definitiv ausgeschlossen", so ein Sprecher.

Wenn eine Partei wie die CDU nun Wahlwerbung an vielversprechende Mikrozellen schicken lässt, erfahre sie auch keine konkreten Adressen. Das betonen Post und Partei unisono. Vielmehr leite Post Direkt die Daten an einen Lettershop weiter - also ein drittes Unternehmen, das die Werbebriefe druckt und versenden lässt. "Der Lettershop löscht die Adressdaten im Anschluss an die Verarbeitung", betont die Post. So schreibt es das Bundesdatenschutzgesetz vor. Mithin kann der Werbetreibende die Adressen weder weiternutzen noch weiterverkaufen.

Die zuständige Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen hatte das Geschäftsmodell der Post Direkt geprüft und es nicht beanstandet. In den nächsten Wochen will das Amt den Adresshandel nun abermals untersuchen.

Will ein Bürger wissen, welche Daten die Post-Tochter über die Mikrozelle gespeichert hat, in der er wohnt, kann er per E-Mail an datensicherheit@postdirekt.de Auskunft verlangen. Will er daraufhin die Menge an öffentlichen Daten über seine Nachbarschaft eingrenzen, sollte er vor allem bei Behörden seinen Widerspruch einlegen: So fragt beispielsweise das Einwohnermeldeamt nach einem Umzug, ob die neuen Daten für Werbezwecke verwendet werden dürfen. Wer daraufhin "Nein" ankreuzt, macht Adressdienstleister wie Post Direkt nicht auf sich aufmerksam. Zudem können Verbraucher Widerspruch bei einem Adressdienstleister einlegen; dann darf dieser ihre Daten künftig nicht mehr gewerblich nutzen.