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Deutsch-türkische Kolumne "Die Isartürkin":Einkaufen ohne Geld oder die türkische Mülltüten-Logik

So sahen türkische Strand-Mülleimer aus, als die Isartürkin als Kind Ferien in Marmaris machte.

(Foto: Collage Jessy Asmus)

Unsere Autorin war mit 19 Jahren das erste Mal in Italien. Als Münchnerin! Als Kind war sie jede Ferien in der Türkei. Und lernte dabei: Das Land ist immer eine Reise wert - egal ob gerade Putsch Nummer drei oder vier ist. Die siebte Folge der "Isartürkin".

Von Deniz Aykanat

Wer in München aufgewachsen ist und mit 19 Jahren das erste Mal in Italien war, der hat seine Kindheit und Jugend entweder im Wachkoma verbracht - oder einen türkischen Vater. Während meine Kindergarten-Freunde zum Start der Sommerferien gemütlich über den Brenner zuckelten und nach locker-flockigen fünf Stunden am Gardasee ankamen, umfuhren wir drei Tage lang im VW-Bus umständlich den Balkan. Es waren die frühen 90er Jahre, in Jugoslawien herrschte Krieg und Fliegen war zu teuer.

Wir fuhren trotzdem Sommer für Sommer. Mit dem alten VW-Bus ohne Klappdach und dem neuen Deluxe-Modell mit Kühlschrank. Ob nun gerade in Ankara eine gewählte zivile Regierung an der Macht war oder sich schon wieder eine Militär-Junta hochgeputscht hatte. Ob die Lira stieg oder fiel (sie fiel).

Mein Bruder und ich lungerten auf der Fahrt im Schlafanzug auf der Rückbank herum und hörten zur Einstimmung auf die Ferien tausend Mal hintereinander "Benjamin Blümchen als Bademeister" an. Meine Eltern hielten sich mit Kaffee und Kettenrauchen am Leben. Damals war das noch gesund.

Als meine Freunde aus Italien heimkamen, konnten sie "Ciao Bella" sagen und auf Deutsch italienisches Eis bestellen.

Als ich zurück in der Schule war, konnte ich auf Türkisch Brot einkaufen, kannte meinen ersten volkswirtschaftlichen Fachbegriff (Inflation) und hatte gelernt: Die Türken sind ein unverwüstliches Völkchen.

Wobei ... das mit dem Bestellen auf Türkisch ist ein bisschen gelogen. Meine Mutter sagte es mir zig Mal vor, und es war eigentlich auch sehr einfach: Ekmek var mı? Bir tane. Gibt es Brot? Ein Brot.

Ich schlenderte also durch den Pinienwald unseres Campingplatzes mit ein paar türkischen Lira in der Hand und in meinem Kopf rotierte es: Ekmek var mı? Bir tane. Ekmek var mı? Bir dingsbums. Gibt es eins? Bir Brot. Brot var mı? Ekmek eins. Verdammt!

Bis ich am Brotstand ankam, war meine Festplatte blank. Zum Glück aber sind Kinder für Türken das achte Weltwunder und immer gern gesehen - auch die stummen. Ich kam dann zurück zu meinen Eltern mit vier Laiben Brot, einem Ring Knoblauch-Wurst und dem kompletten Geld. Ohne ein einziges Wort gesagt zu haben.

Was ich daraus lernte? Je böser die Regierung, desto netter sind die Menschen zu Kindern.

Türkische Taschenrechner mit seltsamen Tasten

Meine nächste Lektion: der Taschenrechner mit den vielen Nullen. Die Inflation war damals in der Türkei so hoch, dass kurzerhand Tasten mit zwei und vier Nullen eingeführt wurden. Damit man sich nicht zu Tode tippt. 100 000 Lira waren etwa eine Mark. Zum Einkaufen schickten mich meine Eltern immer mit einem kleinen Stapel Scheinchen los. Ich fühlte mich unglaublich reich und hielt für mich fest: Toll, diese Inflation!

Türken lassen sich nicht davon ablenken, dass sie vielleicht gerade von ein paar Irren angeführt werden, die das Land runterwirtschaften oder den Putsch Nummer drei hinter sich (80er Jahre) und Nummer vier (90er Jahre) vor sich haben.

Wer in dieser Zeit einen türkischen Strom- oder Telefonmasten erblicken durfte, weiß, wovon ich spreche. Übersät mit Klemmen, Extra-Kabeln, hier noch eine Leitung draufgewickelt und da noch einen Anschluss abgezweigt. Sah aus wie ein Kabelsalat, funktionierte aber einwandfrei. Säkulare, Gläubige, Kurden und Militärs waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu bekriegen, als sich darum zu kümmern, das Netz auszubauen. Bauen wir das Netz eben selber aus.

Und dann war da noch die Sache mit den Mülltüten. Wenn man damals an der Strandpromenade von Marmaris entlanglief, sah man alle paar Meter Stangen im Boden eingelassen, mit Ringen daran. Und darunter Müllhaufen.

Was fehlte, waren Mülltüten, die an den Ringen angebracht waren. Mülltüten gab es deshalb nicht, weil sie sich zu gut dafür eignen, darin Bomben zu verstecken. Damals verübte die PKK auch Anschläge in Touristenorten. Also ließ man die Mülltüten einfach weg. Und das störte auch niemanden groß. Die Kinder warfen ihre Chipstüten und Kaugummipapiere einfach trotzdem durch den Ring, unter dem der Müll schnell zu kleineren und größeren Häufchen anwuchs.

Mülltonnen inklusive Tüten sind mittlerweile in die Türkei zurückgekehrt - ebenso der Terror, wobei das natürlich nichts miteinander zu tun hat.

Trotzdem fahren Deutschtürken nach wie vor unbeirrt in den Ferien scharenweise in die Heimat. Weil "In die Ferien fahren" für sie immer auch ein bisschen "Heimfahren" ist. Weil man mit jeder Urlaubsfahrt eine kleine Reise in die Vergangenheit der Eltern unternimmt.

Weil man Dank der Inflation dort jetzt tatsächlich reich ist - und die Kinder beim Brot-Mann abgeben kann, wenn sie nerven.

Wenn also Türken heute immer noch freudestrahlend in die Türkei in den Urlaub fahren, dann nicht, weil ihnen das alles einfach egal ist - sondern weil sie unverbesserliche Optimisten sind. Gottseidank. Oder Allahseidank oder dem Taschenrechnerseidank.

Man sollte es ihnen gleichtun.

Gute Reise!

Kolumne "Die Isartürkin"

In der Beziehung zwischen Deutschen und Türken läuft etwas gewaltig schief. SZ-Redakteurin Deniz Aykanat, 34, trägt beide Seiten in sich. Meistens verstehen sie sich gut. Hier schreibt sie regelmäßig über ihr Leben zwischen Bayern und Bosporus. Alle Folgen der Kolumne finden Sie hier.

© SZ.de/ghe/stein

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