bedeckt München 24°

Deutschtürken:Zeit der gegenseitigen Enttäuschungen

Rede des türkischen Ministerpräsidenten Yildirim vor in Deutsch

Es ist die Zeit der gegenseitigen Enttäuschungen zwischen Deutschen und Türken.

(Foto: dpa)

Deutschtürken und ihre Umgebung verstehen sich nicht mehr. Schuld daran ist nicht nur Präsident Erdoğan - auch die Deutschen tragen ihren Teil bei.

Wie sehr sich mittlerweile die Wirklichkeit vieler Deutschtürken von der ihrer Umgebung unterscheidet, das ist erschreckend. Für viele Menschen mit Wurzeln in der Türkei hat dort im Sommer das tapfere Volk einen Militärputsch verhindert; nun gilt es, die Putschisten, Separatisten und Terroristen zu bekämpfen - und von den Deutschen kapiert das keiner.

Die Deutschen wiederum finden mehrheitlich, dass die Türkei unter dem autoritären Präsidenten Erdoğan Richtung Diktatur geht, in der Menschenrechte und Meinungsfreiheit mit Füßen getreten werden. Aus der einen Perspektive ist es notwendig, dass Imame mögliche Terrorhelfer den Behörden nennen, dass man sich über Lehrer beschwert, die sich türkeifeindlich äußern. Es ist auch klar, dass Präsident Erdoğan in Deutschland für seine Verfassung werben soll. Aus dem Blickwinkel der anderen ist dies Spitzelei, Einschüchterung und der Import türkischer Konflikte nach Deutschland.

Die Deutschtürken kostet es nicht viel, Erdoğan zuzujubeln

Es ist die Zeit der gegenseitigen Enttäuschungen. Es wird nun offenbar, wie sehr die Ditib, der türkisch-islamische Moscheeverein in Deutschland, von der Religionsbehörde in Ankara abhängig ist - schon immer war, nur dass dies für die deutschen Staats- und auch Kirchenvertreter sehr einfach und bequem war, solange in Ankara die Zeichen auf Dialog standen.

Es zeigt sich, wie wenig die Türkei ihre ausgewanderten Bürger loslassen möchte, wie aggressiv sie und die Anhänger Erdoğans diesen Anspruch vertreten und auch durchsetzen. Es zeigt sich aber auch, wie enttäuscht viele Deutschtürken von ihrer neuen Heimat sind, die eben doch nicht ganz ihre Heimat geworden ist: Es sind auch die vielen alltäglichen Verletzungserfahrungen, vom Arbeitsplatz bis zur Polizeikontrolle, die viele Türken einen Präsidenten klasse finden lassen, der mit der ihm eigenen Großkotzigkeit Europa und die Welt herausfordert. Und, böse gesagt: Die Deutschtürken kostet es nicht viel, Erdoğan zuzujubeln - weniger als die Menschen in der zerrissenen Türkei mit der täglich zunehmenden Gewalt.

Es reden auf beiden Seiten zunehmend die Lauten, die Entdifferenzierer; sie reden zunehmend übereinander und nicht mehr miteinander. Es verstummen die Leisen, die Nachdenklichen, die Dialogbereiten, die kritischen Geister. Auf der Seite der Mehrheit verstummen sie, weil sie nicht als Partner eines Autokraten und eines zunehmend konservativen Islams dastehen wollen, weil ihnen auf einmal der Dialog hohl erscheint, den sie da führten, weil Gesprächspartner fremd werden.

Es herrscht Winter zwischen Deutschtürken und Deutschen

Auf der Seite der Minderheit verstummt er auch aus Angst vor Beschimpfung, Denunziation und Repression. Man ist nicht mehr lange Moscheevorstand, wenn man was gegen Erdoğan sagt. Und spricht man als Journalist mit Deutschtürken, hört man bald: Zitiere mich bloß nicht, ich habe Verwandte in der Türkei.

Es herrscht Winter zwischen der Mehrheit der Deutschtürken und der Mehrheit der Deutschen; wer sich rauswagt, muss sich warm anziehen. Andererseits: Wenn niemand redet und streitet, stirbt das Gespräch ganz. Es geht immerhin um mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland, um Bürger, Steuerzahler, Nachbarn, Kollegen. Enttäuschung bedeutet ja auch: Man ist um ein paar Täuschungen ärmer und um ein paar Erkenntnisse reicher.

Um die Erkenntnis zum Beispiel, dass der Moscheeverband Ditib nur dann auf Dauer Partner des Staates sein kann, wenn er weitgehend unabhängig von der türkischen Religionsbehörde ist. Aber auch um die Erkenntnis, dass die staatliche Seite in Deutschland mehr tun muss, um einem unabhängigen Islam einen Platz zu geben.

Türkische Chronik Nur noch ein kurzer Weg zum Faschismus

Türkische Chronik (XXVIII)

Nur noch ein kurzer Weg zum Faschismus

Ein Pianist wird verhaftet, die kosmopolitische Kultur Istanbuls verschwindet. Wenn aber die Träume einer ganzen Generation systematisch zerstört werden, ist es bis zur Barbarei nicht mehr weit.   Gastbeitrag von Yavuz Baydar