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Der umstrittenste Preis:Fragile Ehrung

In der Kategorie Frieden sind Fehlgriffe fast unvermeidbar. Vorschlagsrecht haben viele, weshalb auch Trump und ein TV-Sternchen auf der Liste stehen.

Von Kai Strittmatter

Am kommenden Freitag wird in Oslo der Preisträger des Friedensnobelpreises verkündet. Und während sich die Beobachter wie in den meisten Jahren streiten, wer unter den diesmal 211 nominierten Personen und 107 Organisationen auserwählt wird, sind sie sich in einem doch einig: Donald Trump wird es nicht sein, auch wenn der US-Präsident seine Nominierung durch Christian Tybring-Gjedde, einen norwegischen Parlamentarier vom rechten Rand, die letzten Wochen mit so viel Stolz vor sich her getragen hat, als habe er schon gewonnen.

Als aussichtsreiche Kandidaten in diesem Jahr gelten zum Beispiel der eine Vergiftung auskurierende russische Oppositionsführer Alexej Nawalny oder die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg. In der vergangenen Woche meinten der Nobelpreishistoriker Asle Sveen und der Leiter des Friedensforschungsinstitutes in Oslo, Henrik Urdal, zudem, gute Chancen ausgemacht zu haben für Gruppen, die sich der Verteidigung der Pressefreiheit verschreiben: "Reporter ohne Grenzen" etwa, das in Paris seinen Hauptsitz hat, oder das in New York ansässige "Committee to Protect Journalists" (CPJ).

Die Entscheidungen des Nobelpreiskomitees waren in den vergangenen Jahren oft umstritten. Einer der größten Fehlgriffe war im Nachhinein wohl Aung San Suu Kyi, die als Oppositionsführerin in Myanmar den Preis 1991 gewann, und die sich nun als Staatsführerin ihres Landes verteidigen muss gegen Vorwürfe, ihre Regierung habe einen Genozid an der muslimischen Minderheit der Rohingya zu verantworten.

Der Preisträger des letzten Jahres, der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed, gilt als weiteres Beispiel dafür, dass man mit der Auswahl aktiver Politiker ein großes Risiko eingeht. Schon bei der Verleihung des Preises 2019 war sichtbar, wie fragil der von ihm angestoßene Friedensprozess mit Eritrea und im eigenen Land war, heute ist vielerorts die Gewalt wieder aufgeflammt. Bei seinem Aufenthalt in Oslo weigerte sich Abiy Ahmed dann, die Presse zu treffen, der letzte Preisträger, der das getan hatte, war Barack Obama 2009 - auch er in den Augen vieler ein Fehlgriff. Statt wirklich Erreichtes zu würdigen, war in den Augen von Kritikern Obama und anderen der Preis als Paket voller Vorschusslorbeeren überreicht worden.

Auf die Liste der vielen Nominierten zu kommen ist übrigens nicht allzu schwer. Das Recht zur Nominierung hat ein weiter Kreis: Parlamentarier zählen ebenso dazu wie Universitätsprofessoren oder die Leiter von Friedensforschungsinstituten und außenpolitischen Denkfabriken.

Um Donald Trump zu zeigen, was seine Nominierung wirklich wert ist, erfanden zwei britische Youtuber vor Kurzem ihr eigenes Friedensinstitut, das Rumford Research Institute for Peace (RRIFP), für das sie eine schicke Website kreierten. Dann reichten sie ihre Nominierung ein für Gemma Collins, ein britisches Reality-TV-Sternchen. Die falschen Friedensforscher priesen die ehemalige Gebrauchtwagenhändlerin Collins unter anderem für ihren angeblichen Beitrag zur Lösung des Nordkoreakonfliktes und bekamen schon bald Dank und Antwort vom Nobelpreiskomitee für die "erfolgreiche Einreichung" der Nominierung für den Friedensnobelpreis 2021.

© SZ vom 05.10.2020
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