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Demokraten:Und jetzt alle gemeinsam

Nach Joe Bidens überraschend eindeutigen Siegen in gleich vier Bundesstaaten wächst der innerparteiliche Druck auf den Linken Bernie Sanders, seine Kandidatur bald aufzugeben - Trump sollen keine weiteren Angriffsflächen geboten werden. Sanders will aber nicht.

Bernie Sanders Anhänger werden wohl auch diesmal allerlei Schuldige finden, die Medien, die Amtsträger der Demokratischen Partei, Strippenzieher im Hintergrund. Doch nach dieser weiteren Runde von Vorwahlen wird immer klarer: Die demokratischen Wähler wünschen sich nicht den selbsterklärten demokratischen Sozialisten als Präsidentschaftskandidaten, sondern einen anderen: Joe Biden. Er soll gegen US-Präsident Donald Trump im Herbst antreten.

Der frühere Vizepräsident gewann am Dienstag, und zwar eindrucksvoll. In vier von sechs US-Bundesstaaten, in denen an diesem Tag gewählt worden war, errang er die Mehrheit. So groß war der Vorsprung, dass die Fernsehsender ihn sehr bald nach Schließung der Wahllokale in Mississippi, Missouri, Michigan und Idaho zum Sieger erklärten. Wobei Michigan der wichtigste Staat dieser Wahlnacht war. Sanders musste bis zum Mittwochmorgen warten, ehe er einen Sieg verbuchen konnte. Da waren die Stimmen in North Dakota ausgezählt. Doch das war nur ein Trostpflaster. Der eher dünn besiedelte Bundesstaat bringt kaum Delegiertenstimmen. Und so konnte Biden seinen Vorsprung bei den Delegierten, die für die Nominierung entscheidend sind, deutlich ausbauen.

„Uns verbindet ein gemeinsames Ziel - Trump zu besiegen“: Joe Biden rief nach den Vorwahlen am Dienstag, hier am Abend in Philadelphia, die Anhänger seines Rivalen Bernie Sanders indirekt dazu auf, künftig ihn zu unterstützen.

(Foto: Mandel Ngan/AFP)

Und selbst wenn Sanders im Bundesstaat Washington, wo die Auszählung am Mittwoch noch dauerte, wie erwartet, hauchdünn gewinnen sollte, würde das nichts Entscheidendes ändern. Er bräuchte einen haushohen Sieg. Der demokratische Wahlkampf könnte damit ein baldiges Ende finden - ein Ende, das noch vor zwei Wochen niemand auf der Rechnung gehabt hatte. In seiner Ansprache in der Wahlnacht gab sich Biden jedenfalls schon fast so, als wäre er bereits der offizielle Präsidentschaftskandidat der Partei. Er streckte Sanders und dessen Anhängern demonstrativ die Hand entgegen, indem er sich für ihre "Energie und Leidenschaft" bedankte und sagte: "Uns verbindet ein gemeinsames Ziel: Trump zu besiegen." Sanders dagegen entschied sich, in der Wahlnacht gar nicht vor die Medien zu treten, was eher ungewöhnlich ist für ihn.

Insgesamt haben elf seiner bisherigen Rivalen die Wahl Bidens empfohlen

Wie schon vor einer Woche am Super Tuesday konnte Biden auch diesmal auf die überwältigende Unterstützung von schwarzen Wählern zählen. In Mississippi stimmten laut den Nachwahlbefragungen 86 Prozent der Afroamerikaner für den früheren Stellvertreter von Barack Obama. Doch wie nicht nur das Beispiel Michigan zeigt, gewann Biden auch in den meisten anderen Wählergruppen eine Mehrheit. Vor allem siegte er in den Vororten, die sich seit Trumps Wahl als großes Wählerreservoir für die Demokraten erwiesen haben. In Michigan war Sanders vor vier Jahren ein überraschender Sieg über Hillary Clinton gelungen. Er hatte in den vergangenen Tagen seinen gesamten Wahlkampf auf den Rostgürtelstaat ausgerichtet, der auch bei der Hauptwahl gegen Trump eine entscheidende Rolle spielen dürfte. Sanders hatte immer auf die Stimmen junger Leute und der bisherigen Nichtwähler gesetzt. Die hat er auch bekommen. Aber nicht in dem Maße, wie er es brauchte und wie er es erhofft hatte. Sie blieben einfach zu Hause. Im Gegensatz zu Bidens Wählern.

Und es waren eben diesmal nicht nur die Bundesstaaten im Süden, wo ihn schwarze Wähler wieder in überwältigendem Maße unterstützen, es waren Staaten im Mittleren Westen - Michigan und Idaho -, wo Biden klar gewann. Bis dahin hatte es Befürchtungen gegeben, dass sein Erfolg sich vor allem auf den Süden der USA beschränken könnte.

Einen Einblick in die Stimmung bei den Demokraten lieferte in der Wahlnacht Andrew Yang. Der Unternehmer und ehemalige Präsidentschaftsbewerber hatte sich bis zu seinem Rückzug aus dem Rennen vor einigen Wochen um eine ähnliche Wählerschicht bemüht wie Sanders, junge und unabhängige Wähler, die sich große Reformen wünschen und der Demokratischen Partei eher skeptisch gegenüberstehen. Doch als am Dienstag die Resultate aus den Bundesstaaten eintrafen, saß Yang im Studio von CNN und gab eine Wahlempfehlung für Biden ab. Mathematisch sei Biden die Kandidatur kaum mehr zu nehmen, deshalb gelte es jetzt, sich hinter ihn zu stellen: "Wir müssen die Partei zusammenbringen." Das war ein Appell an Sanders' Anhänger, die mit Biden nicht viel anfangen können.

U.S. Democratic presidential candidate Bernie Sanders speaks during a rally in St Louis, Missouri

„Wir gewinnen die Generationen-Debatte“: Bernie Sanders, hier am Montag in St Louis, will nicht aufgeben.

(Foto: Lucas Jackson/REUTERS)

Yang wurde mit seiner Wortmeldung zum elften ehemaligen Rivalen von Biden, der ihn öffentlich unterstützt. Bereits am Wochenende hatten die ausgeschiedenen Bewerber Kamala Harris und Cory Booker Biden zur Wahl empfohlen und waren mit ihm bei einem gemeinsamen Wahlkampftermin aufgetreten. Dieser Rat von führenden Demokraten wird von der Basis offenbar gehört. Was den Schluss nahelegt, dass das demokratische Fußvolk keine Lust auf einen Aufstand von links hat, wie ihn Sanders fordert. Und es hat auch keine Lust darauf, den giftigen Flügelkampf in der Partei viel länger hinauszuziehen. Stattdessen scheint auch die Basis zu dem Schluss gekommen zu sein, dass Biden jener Kandidat ist, der Trump am ehesten schlagen kann - und das ist für die meisten Demokraten eindeutig das Wichtigste.

Nur auf dem Papier könnte Sanders noch genügend Delegierte sammeln

Dementsprechend wurden Rufe von Demokraten laut, die Sanders aufforderten, seine Kampagne zu beenden. Es werde auf Sanders "enormen Druck aus allen Ecken der Partei" geben, die Konsequenzen aus den Resultaten zu ziehen, sagte David Axelrod, der frühere Wahlkampfstratege von Obama. Auf dem Papier könnte Sanders zwar durchaus noch genügend Delegierte sammeln, um Biden zu überholen. Doch bei den demokratischen Vorwahlen werden Delegierte proportional verteilt. Das heißt: Um Biden noch einzuholen, müsste Sanders in den noch ausstehenden Vorwahlen überall abräumen. Dafür spricht wenig. So haben einige der Bundesstaaten, die noch ausstehen, einen hohen Anteil an schwarzen Wählern, die das Rückgrat von Bidens Koalition bilden. In anderen Staaten hatte Sanders gegen Clinton 2016 sehr deutlich verloren, und auch jetzt zeigen ihn die Umfragen dort rund 30 Prozentpunkte im Rückstand. Sanders selbst gibt sich unbeugsam. "Wir", erklärte er bei einer Pressekonferenz am Mittwoch, "gewinnen die Generationen-Debatte." Sein Kampf geht weiter.

© SZ vom 12.03.2020

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