Demokraten im US-Wahlkampf "Stalker-Videos" erzürnen Republikaner

Demokratische Aktivisten filmen die Häuser von republikanischen Abgeordneten und stellen die Videos online - um zu zeigen, dass diese aufgrund ihres Reichtums keine Ahnung von den Problemen im Land haben. Der Eingriff in die Privatsphäre erzürnt nicht nur Konservative - er zeigt auch, wie Parteien und Interessengruppen das Netz zur Zusammenarbeit nutzen.

Von Johannes Kuhn

Anwesen eines Abgeordneten des Repräsentantenhauses: "Meine Nachbarn und meine Familie können sich nicht wohlfühlen, wenn jemand in den Büschen sitzt."

(Foto: Screenshot YouTube)

Ausladende Schwenks über Einfamilienhäuser, stille Zooms auf kleine Villen: Zum YouTube-Hit taugen die menschenlosen Videos, die derzeit durch die amerikanischen Medien geistern, nicht - wohl aber sorgen sie für einen kleinen Skandal im US-Wahlkampf.

Das liegt an den Bewohnern, handelt es sich doch um republikanische Kongressabgeordnete, die im Herbst zur Wiederwahl stehen: Wie zuerst Politico berichtete, haben demokratische Aktivisten die Häuser von Politikern wie Reid Ribble (Wisconsin) oder Ricky Gill (Kalifornien) gefilmt und bei YouTube hochgeladen.

Spätestens seit 2006 spielen Internet-Videos im US-Wahlkampf eine große Rolle: Damals hatte der republikanische Kongressabgeordnete George Allen seinen "Macaca-Moment", in dem er einen indischstämmigen Mitarbeiter seines Gegners indirekt als Affen bezeichnete - was dieser auf Video bannte und ins Netz stellte. Seitdem schicken die Kandidaten Mitarbeiter, Tracker genannt, zu Veranstaltungen ihrer politischen Kontrahenten, um mögliche verbale Ausrutscher oder Widersprüche per Video zu dokumentieren.

Bislang war die Privatsphäre der Kandidaten allerdings tabu - das scheint sich nun zu ändern, gebilligt von der Führung der Demokraten: Die Videos finden sich auf der Seite des Democratic Congressional Campaign Committee (DCCC) und sind sogar zum Teil mit den Adressen der Kandidaten versehen.

Das Filmmaterial soll beweisen, dass republikanische Kandidaten aufgrund ihres Reichtums keine Ahnung von den Problemen der schuldengeplagten Durchschnittsamerikaner haben. Es im Internet zu publizieren, dient aber auch der indirekten Zusammenarbeit zwischen Partei und den Super-Pacs, also den Interessengruppen, die selbst mit TV-Spots in den Wahlkampf eingreifen.

Indirekte Absprachen über das Netz

Offiziell dürfen Partei und Super-Pac sich nicht absprechen. Indem die Demokraten aber ihr Recherchematerial ins Netz stellen, ist das auch nicht nötig - die Interessengruppen erkennen die Intention und können das Material in ihre Videos einarbeiten. "Also ist die Aktion nicht nur gruselig, sondern verstößt auch gegen die Gesetze zur Wahlkampffinanzierung. Beeindruckend", ätzt das New York Magazine. Eric Randall vom Atlantic merkt allerdings an, dass so Intentionen der Parteien transparenter werden und zumindest Politik-Nerds "eine Art öffentliche Bibliothek" erhalten, in der sie mögliche Trends und Spins finden.

Republikanische Politiker bezeichnen das Vorgehen als "absolut unangemessen" und verlangen, die Privatsphäre zu respektieren. "Das Privatleben sollte tabu sein, es sei denn, es wird Teil der Kampagne", fordert der Kongressabgeordnete Jim Renacci, einer der Betroffenen. "Meine Nachbarn und meine Familie können sich nicht wohlfühlen, wenn jemand in den Büschen sitzt." In den Kommentaren bei YouTube und Twitter ist von "linken Stalkern" die Rede.

Allerdings sind auch die Republikaner keine Kinder von Traurigkeit: 2010 verfolgten Tracker einen demokratischen Abgeordneten so lange auf der Straße, bis dieser die Nerven verlor und sich ein kurzes Handgemenge lieferte. Auch die "Angriffe aus dem Hinterhalt" in der Fox-Show "O'Reilly Factor", bei der linke Politiker und Aktivisten häufig vor ihrem eigenen Haus abgefangen und mit provokativen Fragen konfrontiert werden, sind berühmt-berüchtigt.