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Debatte um Verbot des Mohammed-Videos:"Es wäre ein Zeichen der Stärke, den Film zu zeigen"

Die Debatte um den umstrittenen Mohammed-Schmähfilm spaltet die muslimischen Verbände. Für Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, schürt die Diskussion die Islamfeindlichkeit. Eine öffentliche Vorführung des Films hält sie für denkbar - trotz möglicher Gefahren.

Sollte das umstrittene Mohammed-Video in Deutschland verboten werden? Die Debatte darüber spaltet die Muslim-Verbände. Der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland, Ali Kizilkaya, bezeichnete das Video als "tiefgreifende Beleidigung". Auch Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime plädierte für ein Verbot.

Wurzeln in Syrien, geboren in Westfalen: Wissenschaftlerin Lamya Kaddor

Lamya Kaddor kam 1978 in Ahlen/Westfalen als Tochter syrischer Einwanderer zur Welt. Sie studierte Arabistik, Islamwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Komparatistik in Münster. Danach bildete sie an der dortigen Uni islamische Religionslehrer aus. Heute unterrichtet sie Islamkunde an Schulen. Im Jahr 2010 erschien ihr Buch "Muslimisch, weiblich, deutsch - Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam".

(Foto: ddp)

Lamya Kaddor, die Vorsitzende und Mitbegründerin des Liberal-Islamischen Bundes, sieht dies anders. Ihr 2010 gegründeter Verein, der nach eigenen Angaben 120 Mitglieder hat, will als "Stimme liberaler Muslime" auftreten und dabei auch zwischen den unterschiedlichen Flügeln innerhalb des Islam vermitteln .

SZ.de: Was haben Sie sich gedacht, als Sie den Film zum ersten Mal gesehen haben?

Lamya Kaddor: Ich selbst habe mich nicht provoziert gefühlt. Natürlich bin ich gläubige Muslima, aber dieser Film ist so billig, so geschmacklos und eine so kalkulierte Provokation, dass sich darüber aus meiner Sicht eigentlich nicht streiten lässt. Der Film wurde ja auch gleich auf der ganzen Welt als Hassvideo eingestuft, nirgends als Satire oder Parodie. Das hätte man eigentlich so stehen lassen können. Aber andererseits habe ich schon befürchtet, dass das wieder für Furor sorgt und zu Gewaltausbrüchen führt.

Inwiefern verstehen Sie denn, dass andere Muslime sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen?

Bis zu einem gewissen Grad kann ich die Verletzung schon verstehen, gerade in Gesellschaften, in denen die Religion den Alltag noch viel mehr prägt und wo sie noch viel emotionaler wahrgenommen wird als hier. Aber die Gewaltausbrüche haben wenig mit Religion zu tun. Im Koran steht nicht, dass man amerikanische Botschafter töten soll, wie es al-Qaida gefordert hat. Im Gegenteil, wenn man sich provozieren lässt, andere Menschen zu töten und Gebäude in Brand zu stecken, hat man Mohammed mehr beleidigt als mit so einem seltsamen Schmähvideo.

Und was hat dann die Gewalt ausgelöst?

Das hat sozio-ökonomische Ursachen. Die Gewalt kommt doch in Ländern vor, in denen es jahrzehntelang Diktaturen gab und immer noch gibt und in denen überwiegend Repression herrscht, wo es keine Meinungsfreiheit und nur eine beschränkte Religionsfreiheit gibt und in denen das Recht auf persönliche Entfaltung fehlt. Wir dürfen nicht vergessen: Eben diese Systeme sind jahrzehntelang vom "Westen" gestützt und geschützt worden. Das haben die Menschen etwa in Ägypten nicht vergessen und sie werden es auch nicht so schnell. Generationen von Menschen sind so geprägt - und das auch noch in Verbindung mit Armut und sozialer Schwäche. Die Dynamik nach den Mohammed-Karikaturen 2006 war ganz ähnlich. Viele wussten damals gar nicht, warum sie amerikanische Fahnen abfackelten. Die wollten vor allem Frust ablassen.

In Deutschland wird gerade groß diskutiert, ob man eine öffentliche Aufführung des Films in Deutschland verbieten soll. Manche wollen sogar den Film als Ganzes verbieten. Wie bewerten Sie diese Debatte?

Ich halte wenig davon. Die Debatte verläuft reflexhaft. Wenn manche Islamverbände nun Verbote fordern, kommen Muslime wieder in die Opferrolle. Wir müssen uns dem nicht jedes Mal beugen.