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Debatte um das soziale Pflichtjahr:Die Verbände würde ein Pflichtdienst strukturell überfordern

Angenommen, eine Regierung wäre auch durch die Kostenfrage noch nicht entmutigt, weil sie von der volkspädagogischen Notwendigkeit dieses Dienstes überzeugt wäre - diese Regierung würde auf Undank stoßen. Die Wohlfahrtsverbände, vermeintlich die größten Profiteure der Hunderttausenden jungen Helfer, lehnen diesen Dienst durch die Bank ab. Schon 2004 haben sie gemeinsam erklärt, die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht hielten sie "nicht nur für völkerrechtswidrig, sondern auch für einen grundsätzlich falschen Weg, Eigeninitiative, Mitgestaltung und Beteiligung aller Altersgruppen in der Zivilgesellschaft zu fördern". Der Erklärung schlossen sich mehrere Bundesministerien und Landesregierungen an - unter anderem die von Hessen. Deren Ministerpräsident hieß übrigens schon damals: Roland Koch.

An der Ablehnung von damals hat sich nichts geändert, sagt Peter Neher, der Präsident des deutschen Caritasverbandes, der Süddeutschen Zeitung: "Es liegt nicht im Interesse der Caritas, einerseits um junge Leute zu werben, die ein soziales Jahr freiwillig leisten, und gleichzeitig dann einen teuer finanzierten zivilen Dienst zu unterstützen."

Die Verbände sehen, dass sie ein Pflichtdienst strukturell überfordern würde - 500.000 bis 700.000 Pflichtdienstleistende müssten irgendwo untergebracht werden - schon bei 200.000 dürften die jetzigen Zivildienstträger an ihre Grenzen stoßen. In die Kliniken, Jugendzentren oder Pflegeheime strömten dann auch zahlreiche 19-Jährige, die eigentlich keine Lust auf Sozialarbeit haben - eine Horrorvorstellung für viele Einrichtungsleiter, die nur Ärger mit den unwilligen Unfreiwilligen fürchten.

Stattdessen werben der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Diakonie oder die Caritas für den Ausbau der Freiwilligendienste, von denen sie manche schon seit Jahrzehnten anbieten: das Freiwillige Soziale Jahr oder das Freiwillige Ökologische Jahr zum Beispiel. So lehnt Neher auch den von Familienministerin Schröder vorgeschlagenen freiwilligen Zivildienst ab: "Wir würden mehr davon profitieren, wenn die Regierung die bewährten Freiwilligendienste ausbauen würde. Es gibt keinen Grund, warum daneben ein Zivildienst unabhängig von der Wehrpflicht aufgebaut werden sollte." Allein 37.000 Plätze gibt es derzeit, jedes Jahr gibt es mehr Bewerber als freie Stellen. "Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sind durchaus in der Lage, das Angebot kurzfristig auf 60.000 auszubauen, wenn uns die entsprechenden Mittel zur Verfügung gestellt werden."

Da allerdings zeigt die Politik bislang wenig Bereitschaft - angeblich ist eine Förderung durch zusätzliche Bundesmittel der bislang vor allem von den Ländern unterstützten Freiwilligendienste rechtlich nicht möglich. Verglichen mit den Problemen des Zwangsdienstes wäre dies aber vielleicht doch der leichtere Weg.