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Debatte um Abschiebungen:"Von Pontius zu Pilatus bin ich schon gelaufen"

Trotzdem habe es Oyewinle geschafft, weil er einfach ein sehr netter Kerl sei, immer gut gelaunt, immer höflich. Inzwischen hat er die Gesellenprüfung geschafft und Brändle will ihn unbedingt behalten. Wie schwer das wird, hat sie längst gelernt. "Von Pontius zu Pilatus bin ich schon gelaufen", schimpft Brändle, was auch damit zu tun hatte, dass es so einen Fall bis heute in Winnenden noch nicht gegeben hat.

Inzwischen ist das eigene Rathaus in Winnenden zuständig, es wird entscheiden, ob der 28-Jährige nach seiner Lehre noch zwei Jahre geduldet wird oder nicht. Einen Abschiebungsbescheid hatte er schon erhalten, bevor es ihm in einer hektischen Aktion gelang, an der Botschaft in Berlin einen neuen Pass zu ergattern. Ohne den wäre er längst wieder in Nigeria, so sind die Regeln bei einer Duldung.

Und jetzt? Sieht es ganz gut aus, sagt Brändle. Aber sie weiß, dass sie weiter wird kämpfen müssen. Olushola Oyewinle hat sie versprochen, sich im Notfall "mit ihm vor dem Kanzleramt anzuketten". Als sie von der Unternehmerinitiative hörte, schloss sie sich sofort an.

Unternehmer gegen Abschiebungen

Gottfried Härle.

(Foto: Guido Serino)

Gottfried Härle, Brauereibesitzer in Leutkirch

Auch bei Gottfried Härle hat es mit einem einzigen Menschen begonnen. Der 64-Jährige hat sein Engagement schon vor dem ganz großen Ansturm an Flüchtlingen angefangen. Seine kleine private Brauerei hat ein paar Dutzend Mitarbeiter. Aber sie sucht stets nach Leuten, die bereit sind, auch einfachere Jobs anzunehmen.

2014 meldet sich bei ihm ein junger Mann aus Gambia; er ist voller Enthusiasmus, also entscheidet sich Härle, ihm eine Chance zu geben. Er gibt ihm einfache Jobs, bildet ihn aus.

Als dann im Sommer 2015 der Ruf der Politik kommt, sich zu engagieren, ist Härle politisch bereit und in der Sache vorbereitet. "Warum nicht mal den Versuch machen?", fragt sich Härle und entschließt sich, drei weitere Flüchtlinge in seinem kleinen Betrieb aufzunehmen; zwei stammen aus Gambia, einer aus Syrien. Alle bekommen, angetrieben vom Chef, einen Integrationskurs, und "alle hängen sich total rein", wie der Unternehmer berichtet.

Härle räumt ein, dass er nicht sonderlich gut bezahlt, "zwei Euro über dem Mindestlohn" würden die Männer erhalten. Das aber ändere nichts an deren Willen und Entschlossenheit. "Insgesamt läuft das einfach sehr gut."

Und das freut den Unternehmer auch deshalb, weil er längst gemerkt hat, "dass es quasi ausgeschlossen ist, gute Leute zu finden". Die Arbeitslosigkeit liegt im Südwesten bei rund zwei Prozent.

Härle kann und will aus diesem Grund nicht verstehen, dass die Behörden nun dabei sind, ausgerechnet diese Leute wieder zurückzuschicken, obwohl die heimische Wirtschaft riesige Probleme hat, weil sie keine Arbeitskräfte mehr findet.

Der Brauereiunternehmer gehört nicht zu denen, die das Asylrecht ändern wollen. Und er weiß, dass keineswegs immer alles rosig läuft - und das bezieht er nicht nur auf den oft hohen bürokratischen Aufwand. Aber er hofft auf eine Lösung, mit der seine Leute - genauso wie die von vielen anderen Unternehmen in ähnlicher Lage - ein Bleiberecht erhalten. Zu groß wäre ansonsten der Schaden - und zwar bei allen, wie Härle es einschätzt.

Längst spürt auch der Unternehmer, wie sich bei den Geflüchteten Unsicherheit breitmacht, weil "die Stimmung im Land insgesamt immer kritischer wird - und das, obwohl meine Leute hier niemandem Arbeit wegnehmen". Deshalb sein Engagement: Härle ist neben Antje von Dewitz Mitbegründer der Initiative.

Unternehmer gegen Abschiebungen

Bettina Gräfin Bernadotte.

Bettina Gräfin Bernadotte, Insel Mainau

Andere Ecke, gleiche Verhältnisse - auch auf der Bodenseeinsel Mainau haben längst Flüchtlinge Arbeit gefunden. Und die Besitzer des dort ansässigen Unternehmens, die Großfamilie Bernadotte, sind damit außerordentlich zufrieden.

"Wir sind ein sehr weltoffenes Haus", erzählt Bettina Gräfin Bernadotte, die Geschäftsführerin der Gesellschaft. Zu ihrem Unternehmen gehören unter anderem acht Restaurants und mehrere Gärtnereien. Bernadotte schildert, dass Menschen aus 24 Staaten unter ihrem Dach arbeiten würden. Deshalb habe es eigentlich von Anfang an keine Zweifel gegeben, auch über das Engagement von Flüchtlingen nachzudenken. Damals, im Sommer 2015, als die allermeisten Flüchtlinge kamen.

Wie in der Brauerei spielte dabei nicht nur Humanität eine Rolle, sondern auch die Tatsache, dass in der Gastronomie dramatisch das Personal fehlt. "Also haben wir gedacht: daraus machen wir eine Win-win-win-Situation - für die Flüchtlinge, für uns und für die Gesellschaft."

Glaubt man ihr, dann ist das gelungen, in den Restaurants und im riesigen Garten der Insel. Insgesamt beschäftigt die Mainau AG 150 Vollzeitkräfte, 150 Saisonarbeiter und gut zwei Dutzend Geflüchtete.

"Es gibt auch schwierige Fragen und es gibt keine einfachen Antworten", so Bettina Gräfin Bernadotte. "Aber für mich ist Solidarität enorm wichtig. Und deshalb wollen wir unbedingt, dass über die Sorgen die guten Entwicklungen und die großen Chancen nicht aus dem Blick geraten."

Unternehmer gegen Abschiebungen

Markus Winter.

Markus Winter, Chef des Industriedienstleisters IDS, Hochdorf

Dem würde sich Markus Winter wahrscheinlich vollumfänglich anschließen. Der Unternehmer aus Hochdorf hat gut neunhundert Mitarbeiter und knapp 80 davon sind inzwischen Geflüchtete.

Winter ist das, was man einen Christdemokraten mit einer Portion Idealismus nennen könne. So jedenfalls beschreibt sich der 51-Jährige selber. "Ich habe viele schlechte, aber auch viele gute Erfahrungen gemacht. Und deshalb will ich, dass die Flüchtlinge eine faire Chance bekommen."

Sein Unternehmen hat dafür eine gute Vorgeschichte: Schon vor 2015 hatte Winter viele Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln. Längst haben bei ihm zum Beispiel türkischstämmige Menschen Führungspositionen eingenommen.

Wie bei allen kann man bei dem bekennenden CDU-Mitglied traurige und erfreuliche Geschichten hören. Er hat hautnah miterlebt, wie - aus seiner Sicht - absurd das Asylverfahren zum Beispiel bei Afghanen laufen kann. "Einer meiner Leute war Fahrer bei der Nato in Afghanistan. Es stand sogar in seinen Papieren. Trotzdem hat er einen Abschiebebescheid erhalten." Winter klingt fassungslos bei dieser Erzählung. Er hat ein starkes Gefühl dafür bekommen, zu was deutsche Ausländerbehörden manchmal in der Lage sind.

Gleichwohl ist das nicht seine Hauptantriebsfeder, sich an der Initiative zu beteiligen. Es ist - neben der grundsätzlichen Humanität - die wirtschaftliche Lage, die ihn auf die Palme bringt. Solange es kein vernünftiges Einwanderungsgesetz gebe, sei es nachgerade unverantwortlich, die Eingelernten wieder nach Hause zu schicken.

Das gilt für Winter nicht nur für die eigene Branche, er leitet einen sogenannten Industriedienstleister. Über Jahre hat er an den eigenen Eltern erleben müssen, wie groß die Not in der Pflege ist - und wie großartig sich Pfleger und Pflegerinnen aus Afrika hervorgetan hätten: zugewandt, sozial, herzlich.

Winter weiß, dass dieses Bild nicht das übliche ist. Viele Menschen würden eher an Drogendealer und Kleinverbrecher denken. Und ja, auch die gebe es, das habe er selbst erfahren müssen. Und bei all denen sei er selbstverständlich für eine Abschiebung.

Trotzdem ist für Winter das Gesamtbild anders. Aus diesem Grund wünscht er sich von der Politik nichts so sehr wie ein Ende der andauernd ideologisch aufgeladenen Debatten. "Am Anfang alles linksliberal, jetzt alles AfD-lastig - das ist doch alles keine Lösung."

Wie geht es weiter?

Die Unternehmen haben sich am Mittwochabend dieser Woche unter Leitung von Antje von Dewitz erneut getroffen. Und sie haben sich dabei Kriterien gegeben, mit denen sie den Landesinnenminister und die Behörden überzeugen möchten.

Sie sagen zu, künftig "maximale Unterstützung" bei der Identitätsklärung der Geflüchteten zu leisten, weil das bis heute ein großes Problem ist. "Wir sind die Ansprechpartner für die Behörden." Sie fordern vom Innenministerium im Gegenzug transparente Kriterien und verbesserte Bleiberechtsregeln. Ob sie Erfolg haben werden, wissen sie frühestens im September. Dann steht das nächste Treffen mit Strobl an. Schon jetzt ist nur eines klar: Immer mehr Unternehmen auch aus anderen Bundesländern haben sich gemeldet, um mitzumachen.

© SZ.de/segi
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