David McAllister auf Wahlkampftour:Selbstzähmung eines jungen Wilden

David McAllister stieg als scharfzüngiger Konservativer im Schatten Christian Wulffs auf. Jetzt ist der Ministerpräsident Niedersachsens einer der letzten CDU-Hoffnungsträger und versucht auf ungewohnte Art und Weise den drohenden Machtverlust bei der Landtagswahl abzuwenden.

Jens Schneider, Hitzacker

Die Warnung kommt kurz bevor der Bus mit David McAllister die Elbe erreicht, sie erfreut den niedersächsischen Ministerpräsidenten. Über sein Gesicht zieht das süffisante Grinsen, das anzeigt, dass ihm eine Sache Spaß bereitet.

Niedersachsens Ministerpräsident McAllister auf Sommerreise

Niedersachsens Ministerpräsident McAllister auf Sommerreise.

(Foto: dapd)

Der 41-Jährige ist auf Sommerreise, sechs Monate vor der Landtagswahl, die über sein politisches Schicksal entscheiden wird. Vor zwei Jahren hat er das Amt von Christian Wulff übernommen. Er war dessen Generalsekretär, dann Parteivorsitzender und ein scharfzüngiger Fraktionschef, der lustvoll Sozialdemokraten als politische Transusen vorführte. Damals galt "Mac", so sein Spitzname, als Wulffs Ziehsohn. Nun ist Wulff Pensionär und McAllister der letzte junge Wilde der CDU. Er nennt es "schade, dass wir in meiner Altersgruppe so viele verloren haben". Die anderen sind, jeder auf seine Art, an sich selbst gescheitert, ob nun Stefan Mappus, Norbert Röttgen oder Christian von Bötticher. Und McAllister kann auf Artenschutz nicht bauen. Seine schwarz-gelbe Koalition hätte derzeit keine Mehrheit.

Kurz vor Hitzacker will er an der Elbe mit seinen Begleitern eine Radtour machen. Seine Vorfreude löst die Nachricht aus, dass ihn Atomkraftgegner mit Rädern erwarten. Hochkonzentiert steigt er aus dem Bus. "Willkommen im Wendland!" ruft der Vorsitzende der Bürgerinitiative. Sofort sind beide von einem Pulk umringt. Hier schlägt das Herz des Widerstands gegen das Atomlager in Gorleben. Solchen Begegnungen sind seine Vorgänger von der CDU aus dem Weg gegangen. McAllister weist auf diesen Unterschied gern hin. Auf der Straße beginnt ein ernstes Gespräch über das geplante Endlager-Gesetz. McAllister gesteht ein, dass "die einseitige Fixierung auf Gorleben in den vergangenen 30 Jahren ein Fehler war." Er hört die Sorge der Aktivisten, dass weiter alles auf Gorleben hinauslaufe. Und mahnt, dass es eine historische Chance gebe, ein Endlager in ganz Deutschland zu suchen. "Wenn wir die nicht nutzen, wäre das ein Fehler."

Alle Feindseligkeit lässt er geschmeidig abperlen. "Ja, dann kommt mal mit", fordert er die Atomkraftgegner grinsend auf. Martin Donath, der BI-Vorsitzende, ist politisch nicht zufrieden. Aber er sagt, er finde den Regierungschef "glaubwürdig". Dann radelt er hinterher.

In Hitzacker erwartet sie das andere Niedersachsen. Für einen verstorbenen Bürgermeister wird eine Ehrentafel enthüllt. Die Schützengilde ist da, in Seemannshemden gekleidet singt ein Shanty-Chor das "Niedersachsen-Lied". Sofort steht McAllister vorn beim Chor, klatscht wie aufgedreht und singt mit, textsicher. Er scheint zum ersten Mal an diesem Tag nicht jeden Schritt zu kontrollieren. "Das ist für mich Heimat", sagt er später. In Bad Bederkesa, wo er mit Frau und den beiden Töchtern im Landkreis Cuxhaven lebt, sei er fest im Schützenverein verankert. Nach einer halben Stunde ruft er den Leuten zu: "Wir haben uns hier sauwohl gefühlt!"

Die Affäre Wulff vorübergehen lassen

McAllister ist aufgekratzt. "Erst die Atomkraftgegner, dann die Schützengilde von 1395, das ist Niedersachsen in seiner ganzen Spannweite." Für alle sei er Ministerpräsident. Dazu passt für ihn die neueste Umfrage. Die CDU liegt mit 38 zu 33 Prozent wieder vor der SPD. Dass die Sozialdemokraten seine Partei vor der Sommerpause überholt hatten, "das sorgte bei unseren Leuten für große Verunsicherung". Es gebe keine Wechselstimmung, auch wenn es für seine Regierung weiter nicht reiche. Ihm fällt der Slogan ein: "Mac is back". Die Schützengilde in Hitzacker hat eine alte Kanone an die Elbe gestellt. Vorm ersten Böllerschuss ruft McAllister: "Dreht die Kanone nach Berlin!" Bei Wulff hätten die Journalisten jetzt die Aufregungs-Maschine angeworfen. Der hätte das mit Spitzen gegen Angela Merkel unterfüttert. Viele Berliner Schreiber kamen nur deshalb zur Sommerreise, als wären politische Trüffel von historischer Bedeutung zu finden. Bei McAllister lachen alle.

Ach, Berlin. Seit Monaten muss er sich anhören, dass er dort allen Mikrofonen ausweiche. Aber es war eine bewusste Entscheidung. Den Wettkampf gegen den Herausforderer von der SPD, Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, will er nicht in Talkshows gewinnen. Die Frage, ob er Bundesminister könnte, stellt sich nicht, so lange er seine Leidenschaft lieber Fragen wie der Bahnverbindung zwischen Cuxhaven und Stade widmet. ,,Das ist'', sagt er, ,,hier sehr wichtig.''

So erlebt man ein selbst gezähmtes Temperament, dem ständig Spötteleien auf der Zunge liegen, die er aber lieber verdrängt. Wie ein begabter Moderator seiner Auftritte erscheint McAllister, wenn er beim Besuch des Konzerns Continental in Hannover nur Fragen stellt. Ein Markus Lanz der Landesbereisung. ,,Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten, um was sollen wir uns kümmern?'', fragt er die Gastgeber. Brav steigt er für Fotos auf Loks oder in ein Elektro-Rennauto. ,,Ist ja kein Drachenboot'', blödelt er. Vor Wochen ist er mit einem Drachenboot abgesoffen, es sah doof aus. Er kann drüber lachen.

Die ironische Distanz zu allem und sich selbst sei seiner britischen Prägung geschuldet, sagt der Sohn eines britischen Militärbeamten und einer deutschen Musiklehrerin. Früher gefiel es ihm, wenn sein Talent zur Attacke gerühmt wurde. Es war eine andere Rolle. "Wer mich kennt, weiß, dass ich gar nicht so laut bin", sagt er. "Eigentlich bin ich ein ganz Normaler." Da ist also der nächste, der jede Spottlust unterdrückend seine Wahl gewinnen will. Auf das liebliche Prinzip setzten vor ihm die nicht minder spottbegabten Olaf Scholz in Hamburg und Torsten Albig in Kiel. Die Opposition beklagt, dass er sich überall raushalte. "Als Ministerpräsident müssen Sie in ganz vielen Punkten über den Dingen stehen'', sagt er, "die Zeit der Krakeeler ist vorbei. Das ist nicht en vogue."

Ruhig will er auch die Affäre Wulff vorübergehen lassen. Sie sei nur noch ein Medien-Thema: "Ganz ehrlich, ich werde auf das Thema nie angesprochen." Er spricht über Wulff wie über einen Fremden. Und erinnert gern daran, dass sein wirklicher Ziehvater ein anderer war. Sein Stil habe sich immer unterschieden. So hat er doch die Party Nord-Süd-Dialog, die für Wulff zum Problem wurde, gleich nach Amtsübernahme aufgegeben - lange vor der Affäre. Aber stets würdigt McAllister Wulffs politische Verdienste: "Wir hatten eine erfolgreiche Zeit." Er weiß, dass es nicht gut aussähe, den einstigen Förderer zu verraten. Ihm soll es reichen, anders zu sein.

© SZ vom 27. Juli 2012/segi
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