Datenanalyse Umwelt polarisiert stärker als Islam

Elf Medienhäuser beteiligen sich an der Aktion "Deutschland spricht"

(Foto: Manuel Kostrzynski)
  • Die Aktion "Deutschland spricht" bringt Menschen zusammen, die entgegengesetzte politische Positionen vertreten. 28 000 Teilnehmer haben sich dafür in diesem Sommer registriert und politische Fragen beantwortet.
  • Die Datenanalyse zeigt, dass ökologische Fragen stärker polarisieren als die nach Grenzkontrollen, Donald Trump und Islam.
  • Am Sonntag treffen sich im ganzen Land Tausende Gesprächspaare, um sich anderen Meinungen zu stellen.
Von Christian Endt und Moritz Zajonz

Sollten deutsche Innenstädte autofrei werden? Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren? Können Muslime und Nichtmuslime gut zusammenleben? Diese und vier weitere Fragen haben 28 000 Menschen in den vergangenen Wochen in ganz Deutschland beantwortet, weil sie mit jemandem ins Gespräch kommen wollten, der anderer Meinung ist. Zur Aktion "Deutschland spricht" haben elf Medienpartner, darunter Zeit Online, SZ, "Tagesschau" und Spiegel aufgerufen, um Streit im besten Sinne zu entfachen und Menschen aus ihren Filterblasen zu locken. Eine Software hat dazu anhand der sieben Fragen und der Postleitzahl Duos gebildet, die nah beieinander wohnen, sich aber in möglichst vielen Fragen uneins sind. An diesem Sonntag um 15 Uhr treffen sich Tausende dieser ungleichen Paare zum Streit mit Ansage.

Schon vor dem ersten Gespräch erzählen die Daten eine Menge über das Streitpotenzial in Deutschland. Dazu wurden die (anonymisierten) Daten der Teilnehmer ausgewertet. Sie haben über die Beantwortung der Fragen hinaus ihr Alter, Geschlecht und die Postleitzahl ihres Wohnortes angegeben. Der Alterspräsident von "Deutschland spricht" ist übrigens ein 97-Jähriger aus Duisburg.

Fünf Lehren aus den Daten:

1. Ökologische Fragen polarisieren am stärksten

Am wenigsten Konsens herrscht unter den Teilnehmern von "Deutschland spricht" bei zwei Themen, die mit Umwelt- und Tierschutz zu tun haben. 63 Prozent sind der Meinung, dass Deutschlands Innenstädte autofrei werden sollten, 37 Prozent sind dagegen. Zwei Drittel sprechen sich dafür aus, den Konsum von Fleisch mittels höherer Steuern einzuschränken, ein Drittel lehnt das ab. Von allen sieben Fragen sind die beiden zur Ökologie also diejenigen, die die Teilnehmer am ehesten in gleich große Lager spalten. Bei den anderen Fragen weist die Tendenz deutlich klarer in eine Richtung.

Demonstration gegen Feinstaubbelastung in München

(Foto: Robert Haas)

Entlang der ökologischen Fragen verläuft auch der tiefste Graben zwischen den Altersgruppen: Während die jüngeren Teilnehmer mit großer Mehrheit für Einschränkungen bei Verkehr und Verzehr sind, sprechen sich von den über 60-Jährigen jeweils etwa die Hälfte gegen solche Ideen aus.

2. Männer und Ältere sehen #Metoo skeptischer als Frauen und Jüngere

Haben die #Metoo-Debatte und die Diskussion um sexuelle Belästigung etwas Positives bewirkt? Da herrscht recht große Einigkeit: Fast drei Viertel der Teilnehmer antworteten mit Ja. Trotzdem offenbaren sich auf den zweiten Blick interessante Unterschiede.

Zum einen sind sich die Männer nicht ganz so einig wie die Frauen: Von ihnen vertreten immerhin 32 Prozent der Ansicht, Metoo habe nichts Positives gebracht, nur 18 Prozent der Frauen sehen das so. Zum anderen gibt es ein deutliches Altersgefälle: Von den befragten über 70-Jährigen ist nur gut die Hälfte von der positiven Wirkung der Debatte über sexuelle Belästigung überzeugt.

3. Stadt und Land denken gar nicht so verschieden

Stadt und Land - das ist vielleicht der stärkste Gegensatz, den man in der deutschen Gesellschaft finden kann: Menschen in der Großstadt leben auf engem Raum, der Ausländeranteil ist höher als auf dem Land, der Weg zum Job kürzer, das kulturelle Angebot vielfältiger. Die Bewohner Deutschlands leben anders in Stadt und Land, sie wählen häufig auch anders.

Dennoch denken die "Deutschland spricht"-Teilnehmer aus Stadt und Land in vielen Fragen gar nicht so unterschiedlich. Zwar lässt sich das Gefälle bei jeder einzelnen der sieben Fragen messen, aber es fällt verglichen mit Unterschieden bei Alter und Geschlecht gering aus. So glauben 80 Prozent der Landbewohner, dass Muslime und Nichtmuslime in Deutschland gut zusammenleben können, in der Stadt sagen dies 88 Prozent. Mit zwölf Prozentpunkten ist das Stadt-Land-Gefälle in der Frage nach autofreien Innenstädten am größten. Das wünschen sich 68 Prozent der Städter, aber nur 56 Prozent der Landbewohner.

4. Die Filterblase ist noch nicht geplatzt

Die Idee, möglichst unterschiedliche Gesprächspartner an einen Tisch zu bekommen, funktioniert nicht in ähnlich denkenden Milieus. Eine Erfahrung, die Zeit Online in der ersten Runde von "Deutschland spricht" 2017 gemacht hat: Die meisten Interessierten sahen die Welt ähnlich. Mit der Ausweitung der Aktion auf elf Medienhäuser sind 2018 zwar mehr unterschiedliche Ansichten in der Datenbank zusammengekommen, die Ergebnisse sind aber dennoch nicht repräsentativ für Deutschland. Fast 60 Prozent der Teilnehmer lebt in Großstädten, mehr als zwei Drittel sind Männer und das Durchschnittsalter liegt bei 41,6 Jahren. An "Deutschland spricht" haben sich also wesentlich mehr Männer, deutlich mehr Großstädter und etwas jüngere Menschen beteiligt als in der Gesamtbevölkerung vertreten sind.

Die Antworten ähneln sich entsprechend: Die Mehrheit ist gegen striktere Grenzkontrollen, für autofreie Innenstädte und reduzierten Fleischkonsum. Sie ist der Meinung, dass die Metoo-Debatte etwas Positives bewirkt hat und Trump schlecht für die USA ist. Bei jeder Frage gibt es eine relativ deutliche Mehrheit für eine der beiden Antwortoptionen - und zwar meist für diejenige, die die meisten wohl eher mit einem politisch linken Weltbild assoziieren würden.

Wenn Sie also eine ältere Frau sind, auf dem Land leben und Donald Trump mögen - melden Sie sich bitte für die nächste Runde.

5. Früher war es auch nicht besser

Eine erfreuliche Botschaft zum Schluss: Vier von fünf Teilnehmern sind der Meinung, dass es den Deutschen heute nicht schlechter geht als vor zehn Jahren. Diese Überzeugung eint alle Geschlechter, Altersgruppen und Wohnorte. In den Gesprächen am Sonntag müssen sich die Diskussionspaare also darüber streiten, was geschehen muss, damit es Deutschland im Jahr 2028 noch besser geht.

Zur Methodik

Für "Deutschland spricht" haben sich mehr als 28 000 Menschen registriert. Nach Aussortieren der fehlerhaften und ungültigen Anmeldungen blieben 20 028 Teilnehmer übrig. Sie bilden die Grundlage für diese Auswertung. Die Einteilung in Stadt und Land erfolgte anhand der Postleitzahlen auf Landkreisebene mittels einer Klassifizierung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Etwa ein Prozent der Teilnehmer leben in einem PLZ-Gebiet, das in mehreren Landkreisen liegt und sich nicht zuordnen lässt. Sie sind bei dieser Auswertung nicht berücksichtigt.