Das amerikanisch-saudische Verhältnis Bröckelnde alte Freundschaft

Saudi-Arabien tritt offen für einen palästinensischen Staat ein, zeigt Verständnis für Iran und kauft Waffen nicht mehr nur "made in USA": Trotz eines Waffendeals über 60 Milliarden Dollar zeigt die einst unumstrittene Partnerschaft mit den USA deutliche Risse. Wie sich das Verhältnis weiterentwickelt, hängt auch von einer Entscheidung der USA im September ab.

Von Rudolph Chimelli

Er nennt sich selbst einen "Privatmann", und als einzige offizielle Funktion verzeichnet seine Visitenkarte die Leitung des King Faisal Center for Research and Islamic Studies in der saudischen Hauptstadt Riad. Aber da der 65-jährige Prinz Turki al-Faisal ein Neffe von König Abdullah ist, hören alle Nahost-Interessierten aufmerksam jedes seiner Worte.

Saudi-Arabiens Botschafter im Vereinigten Königreich, Prinz Turki al-Faisal, hatte fast ein Vierteljahrhundert lang den saudischen Geheimdienst geleitet.

(Foto: AFP)

Bevor der intellektuellste unter den großen Saudi-Prinzen Botschafter in London und Washington wurde, hatte er fast ein Vierteljahrhundert lang den saudischen Geheimdienst geleitet. Die Unterstützung der afghanischen Mudschaheddin gegen die Russen durch das Königreich war im Wesentlichen sein Werk. Derzeit gilt Prinz Turki als der designierte Nachfolger seines kranken Bruders, des langjährigen Außenministers Saud al-Faisal.

Im vergangenen Monat hat der Prinz vor amerikanischen und britischen Offizieren auf dem südenglischen Stützpunkt Molesworth der Royal Air Force über "Eine saudische Sicherheitsdoktrin für das kommende Jahrzehnt" gesprochen. Sie soll die Antwort auf die veränderliche Lage in der Region, auf die inneren Konflikte der Nachbarstaaten Syrien, Jemen und Bahrain, auf die unnachgiebige Haltung Israels im Streit mit den Palästinensern, auf die mangelnde Unterstützung der Amerikaner für einen alten Freund wie den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak sowie auf Hegemonie-Ansprüche Irans sein.

Auch das Projekt des Ankaufs von 200 Leopard-Panzern aus Deutschland ist Teil der Neu-Orientierung der saudischen Politik. Daneben verhandeln die Saudis schon seit 2009 im Sinne der Diversifizierung ihrer Rüstungsquellen über die Lieferung von Raketenabwehr-Systemen, Panzerfahrzeugen und Fluggerät mit den Russen, wie die Moskauer Staatsagentur für Waffenausfuhr, Rusoboronexport, gerade bestätigte.

Hauptlieferant bleiben für die Saudis die USA. Mit ihnen wurde im vergangenen Herbst die Lieferung von Kampfflugzeugen, Kampfhubschraubern, kleinen Kriegsschiffen und eines Luftabwehrsystems im Wert von 60 Milliarden Dollar vereinbart. Aber das ändert nichts daran, dass das frühere Vertrauen des saudischen Herrscherhauses auf den Schutz durch die USA gegen Bedrohung von außen, wie es sich im Krieg um Kuwait bewährte, erschüttert ist.

Thomas Donilon, der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, ließ nach einem Besuch bei König Abdullah am vergangenen Wochenende verhalten wissen, es habe zwar "Perioden der Gereiztheit" im Verhältnis zu Partnern gegeben, aber insgesamt seien die amerikanisch-saudischen Beziehungen "in ziemlich gutem Zustand".

Trotz Berichten, nach denen der Monarch über die amerikanische Haltung zum Arabischen Frühling "unglücklich" sei, blieben die gemeinsamen Interessen in den Fragen regionaler Stabilität, der Terrorismusbekämpfung und der Ausschaltung von Massenvernichtungswaffen bestehen.

Viel offener als der amerikanische Diplomat war der saudische Privatmann in einem Meinungsbeitrag, den er gleichfalls im Juni für die Washington Post zum Thema verfasste. Er sah "katastrophale Folgen" für die amerikanisch-saudischen Beziehungen voraus, falls die USA ihr Veto einlegten, wenn in den UN im September ein palästinensischer Staat ausgerufen werde.

Auch König Abdullah hatte in den vergangenen Jahren mehr als einmal seine Unzufriedenheit mit der pro-israelischen Haltung Washingtons bekundet. Aber die Kritik Prinz Turkis erreichte ganz andere, zuvor nie erreichte Höhen.