bedeckt München

Dänemark:Sprachverwirrung

In Dänemarks Gotteshäusern herrscht Sprachvielfalt. Die Regierung will das nun beenden.

(Foto: Daniel Hofer)

Die Regierung im Königreich will künftig die Dänischpflicht für Predigten vorschreiben. Damit will sie gegen Hassprediger vorgehen, trifft aber auch die Minderheiten - nicht zuletzt die seit Jahrhunderten ansässige deutschsprachige Kirche.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Nein, Rajah Scheepers, die aus Berlin stammende Pastorin der deutschen Sankt-Petri-Gemeinde in Kopenhagen wirkt nicht wie eine Hasspredigerin und sie spricht auch nicht wie eine solche. Und doch beklagt sie, hier im kerzenbeschienenen Kirchenraum der alten Sankt-Petri-Kirche, eine Zeit "großer Unsicherheit": Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass der Eifer, mit dem die dänische Politik gegen Hassprediger vor allem muslimischen Glaubens vorpreschen möchte, am Ende auch Pastorin Scheepers und ihre Gemeinde und überhaupt alle anderen nicht dänischsprachigen Religionsgemeinschaften zur Geisel nimmt. Als Beifang sozusagen. "Wir machen uns Sorgen", sagt Scheepers.

Es plant die sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nämlich für Anfang nächsten Jahres ein Gesetz, das dem Vernehmen nach für alle Predigten den Gebrauch der dänischen Sprache vorschreiben soll oder aber zumindest eine gleichzeitige Übersetzung ins Dänische verpflichtend macht.

Was das am Ende genau bedeuten wird, weiß man so genau noch nicht. Das hinter dem Gesetz stehende Ziel ist klar: Die Politiker wollen mit der Dänischpflicht den auf Arabisch vorgetragenen Hasspredigten einen Riegel vorschieben. Weil aber auch in Dänemark vor dem Gesetz zumindest theoretisch noch immer alle gleich sind, kann man das schlecht offen genau so formulieren und allein die Muslime zum Subjekt der Bestimmungen machen. Im schlimmsten Fall käme den nicht dänischen Gemeinden über einem solchen Gesetz die Muttersprache für ihre Predigten abhanden.

Pastorin Rajah Scheepers beruft sich auf ein 450 Jahre altes königliches Privileg.

(Foto: Kai Strittmatter)

Für Sankt Petri wäre das ein wahrlich historischer Einschnitt. Die deutsche Gemeinde hier ist eine der ältesten deutschen Auslandsgemeinden. 1575 erhielt die Sankt-Petri-Gemeinde erstmals königliche Privilegien, im selben Jahr wurde die Sankt-Petri-Schule gegründet, die bis heute in der Kopenhagener Altstadt ihren Sitz hat: Es gibt keine ältere deutsche Auslandsschule auf der Welt.

"Seit damals haben wir die Erlaubnis, auf Deutsch zu predigen", sagt Rajah Scheepers. "Und wir haben das seither ohne Unterbrechung getan. Egal ob es Kriege gab mit Deutschland, ob die Pest wütete oder die Erde sich auftat."

Auch die grönländischen und färöischen Gemeinden protestieren

Ein Bruch also nach 450 Jahren? Die ehemalige Kirchenministerin Mette Bock nannte das Vorhaben im Kristeligt Dagblad eine "himmelschreiende Dummheit". So richtig mag auch keiner glauben, dass es so weit kommt. Aber ausschließen kann es eben auch keiner. Weil die Regierung zwar abwiegelt und die Bedenken zu Protokoll nimmt, sich gleichzeitig aber bislang bedeckt hält.

"Ich kann nicht im Voraus versprechen, dass die deutsche Minderheit in keiner Weise von unserem neuen Gesetz betroffen sein wird", sagte der Integrationssprecher der Sozialdemokraten, Rasmus Stoklund der Zeitung Weekendavisen. Die Politiker hatten die Nebenwirkungen ihres Gesetzes offenbar nicht auf dem Schirm gehabt. "Ich glaube, sie waren überrascht über den Protest", sagt Rajah Scheepers.

Protestiert haben auch die grönländischen und färöischen Gemeinden. Außerdem die Gemeinden der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Seit der Volksabstimmung 1920 über die neue Grenze zwischen Deutschland und Dänemark genießen sie Privilegien, dazu gehört das Recht auf den Gebrauch der deutschen Sprache auch in der Kirche. Die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen von 1955 bekräftigten diese Sonderrechte noch einmal.

Dass Kopenhagen wirklich die alten Vereinbarungen bricht, kann sich keiner vorstellen. Dass sie damit durchkämen, beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte etwa, erst recht nicht. Aber auch die Ausweichvorschläge, die bislang bekannt wurden - Simultanübersetzung der Predigt oder aber eine schriftlich eingereichte Übersetzung - verursachen Unruhe.

"Das wäre eine Geste des Misstrauens, der Kontrolle", meint Pastorin Scheepers. Man stelle sich umgekehrt vor, sagt sie, die Bundesregierung würde den Gemeinden der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein solche Vorschriften machen. "Unvorstellbar wäre das." Die Zeitung Weekendavisen sieht nun schon eine "Sprachpolizei" im Entstehen, die dann durch Moscheen und Kirchen zieht, um Abweichungen des tatsächlich Gesprochenen vom Geschriebenen aufzuspüren und zu denunzieren.

Nicht nur falsch, sondern auch dumm nennt ein Kritiker das Gesetz

Eine "total verrückte Idee" nennt auch Kjeld Hillingsø den Plan. Der 85-jährige ehemalige Generalleutnant Hillingsø ist der Königliche Patron von Sankt Petri: der Verbindungsmann zwischen deutscher Kirchengemeinde und Königshaus. Es ist ein Amt, das König Christian IV. im Jahr 1616 einrichtete. Der Däne Hillingsø spricht fließend Deutsch, die Mutter stammte aus Berlin. "Der Plan ist ahistorisch", sagt Hillingsø, "es geht gegen unsere eigene Geschichte."

Er erzählt von dänischen Gemeinden in Nordschleswig, denen die Preußen im späten 19. Jahrhundert untersagt hatten, Dänisch in ihren Kirchen zu sprechen. "Die Gemeinden druckten damals Liederbücher mit leeren Seiten. Das waren dann die verbotenen dänischen Lieder. Die kannten aber alle auswendig. Oder sie schrieben den Text mit Bleistift wieder rein. Das waren doch unsere Helden!", sagt Kjeld Hillingsø. "Und jetzt kommen wir und sagen den anderen: Die dürfen aber nur Dänisch sprechen!" Ausgerechnet im offiziellen deutsch-dänischen Freundschaftsjahr 2020.

Als ehemaliger Offizier, sagt Hillingsø, empfehle er der Regierung zudem die alte Regel: Gib nie Befehle aus, deren Einhaltung du niemals kontrollieren kannst. "So ein Gesetz ist nicht nur falsch, sondern auch dumm. Jeder Schuljunge weiß doch, wie man so etwas unterläuft: Man reicht ein Manuskript ein, und dann schweift man während des Vortrags ab. Hinterher sagt man dann: 'Oh, da war ich ein wenig zerstreut'."

Hillingsø glaubt hier Symbolpolitik am Werk: Das Gesetz sei eine weitere Idee, mit der die Sozialdemokraten in den Wählerkreisen der beiden rechtspopulistischen Parteien "Neue Bürgerliche" und "Dänische Volkspartei" fischen wollten. Tatsächlich hat die dänische Sozialdemokratie unter Mette Frederiksen in der Ausländer- und Integrationspolitik einen Rechtsschwenk vollzogen, dem sie wahrscheinlich auch ihren Wahlsieg im Sommer 2019 verdankt. Seither kopiert sie bei Themen wie Islam und Migration bisweilen die harte Rhetorik der Rechtspopulisten.

Kirchen- und Kulturministerin Joy Mogensen hat zuletzt auf die Anfrage einer grönländischen Abgeordneten geantwortet, man "untersuche" im Moment einen möglichen "Sonderstatus" für die Gemeinden der Grönländer, der Färöer und der deutschen Minderheit in Nordschleswig, auch wenn es für Details "zu früh" sei. Eine Antwort, die Pastorin Rajah Scheepers weiter zwischen Hoffen und Bangen hält: Die Sankt-Petri-Gemeinde erwähnte die Ministerin nämlich erst einmal nicht, Scheepers findet das "befremdlich".

An Weihnachten wird auf jeden Fall noch deutsch gesprochen

Der Plan für den Online-Weihnachtsgottesdienst jedenfalls steht. "Unsere deutschsprachigen Kinder werden die Weihnachtsgeschichte auf Deutsch an der Krippe erzählen", sagt Rajah Scheepers. "Ich werde auf Deutsch predigen und beten. Und die Kirchensängerin und die Kantorei werden auf Deutsch, auf Englisch und Dänisch singen." Eines dürfe man nicht vergessen: Man halte schließlich das Evangelium lebendig in der Muttersprache der Reformation, in der Sprache Martin Luthers, auch "zum Erhalt dieses Erbes in Dänemark".

Kjeld Hillingsø, der Königliche Patron, sagt derweil, er sei Optimist, solche Dummheit könne gar nicht Gesetz werden. Andererseits, fügt er an: "Innerlich weiß ich, es passiert halt doch immer wieder." Und dann? "Dann schütteln wir den Kopf, lehnen uns zurück und rauchen erst einmal eine Zigarre."

© SZ
Zur SZ-Startseite