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Dänemark:Rechtsaußen entdeckt Mohammed

Pernille Vermund (NB) ankommer til partilederdebat om covid-19, paa Statens Museum for Kunst i Koebenhavn torsdag den 14

Parteigründerin Pernille Vermund und ihrer rechten Partei Nye Borgerlige werden "kindische Provokationen" vorgeworfen.

(Foto: Philip Davali/imago images)

Eine dänische Partei plant Anzeigen mit Karikaturen über den islamischen Propheten aufzugeben - dies solle Solidarität mit Frankreich zeigen. Aber die Zeichner von "Charlie Hebdo" wollen ihnen die Rechte dafür nicht freigeben.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Dänische Zeitungen sollen noch Ende dieser Woche die Mohammed-Karikaturen aus dem französischen Magazin Charlie Hebdo nachdrucken, wenn es nach dem Willen der Rechtsaußen-Partei "Nye Borgerlige" (Neue Bürgerliche) geht. Die Partei will in den wichtigsten Zeitungen Dänemarks Anzeigen mit den Karikaturen schalten. Kritiker nennen das Vorhaben einen unverantwortlichen PR-Stunt der Rechten, Befürworter verteidigen es als Aktion für die Meinungsfreiheit.

Ungeklärt ist dabei offenbar auch die rechtliche Frage. Die dänische Zeitung Ekstra Bladet meldete am Montagnachmittag, die Charlie-Hebdo-Zeichner verweigerten den Neuen Bürgerlichen den Gebrauch ihrer Karikaturen: Das sei eine politische Partei, deren Ansichten man nicht teile, zitiert Ekstra Bladet einen Vertreter des französischen Magazins. Ein Sprecher der Neuen Bürgerlichen, Lars Kaaber, sagte, man wolle sich dennoch weiter um die Rechte bemühen. "Ich denke, wir werden das auch schaffen."

Die Anzeigen seien gedacht als Zeichen der Solidarität mit Frankreich nach dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty, sagte Pernille Vermund, Parteichefin der Neuen Bürgerlichen, Ende vergangener Woche. "Ich möchte den Franzosen zeigen, dass wir im Kampf für die Meinungsfreiheit Schulter an Schulter mit ihnen stehen." In Dänemark hatte vor 15 Jahren die erste große Mohammed-Karikaturen-Krise ihren Ursprung: Die Kontroverse um Mohammed-Karikaturen der Zeitung Jyllands-Posten schlug 2005 Wellen, es kam weltweit zu gewalttätigen Ausschreitungen, mehrere geplante Terroranschläge auf Jyllands-Posten wurden vereitelt.

Sie wolle "Benzin in ein loderndes Feuer" gießen, wirft ein früherer Geheimdienstler der Partei vor

Der damalige Einsatzleiter beim dänischen Geheimdienst PET, Hans Jørgen Bonnichsen, kritisiert nun den Plan der Neuen Bürgerlichen scharf: Parteichefin Vermund wolle "Benzin in ein loderndes Feuer" gießen, schrieb er auf Facebook. Sie trage so dazu bei, "die terroristische Bedrohung Dänemarks aufrechtzuerhalten". In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Ritzau legte Bonnichsen nach, sprach von einer "kindischen Provokation". Pernille Vermund spiele mit der Sicherheit anderer, während sie selbst "im Elfenbeinturm sitze", schließlich genieße sie als Parlamentarierin besonderen Schutz. Beobachter verorten die einwanderungsfeindlichen Neuen Bürgerlichen noch rechts von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei.

Mit Verweis auf die Sicherheit ihrer Mitarbeiter lehnten mehrere Zeitungen die Annahme der geplanten Anzeige ab, so zum Beispiel Ekstra Bladet, aber auch Jyllands-Posten, die Zeitung, die 2005 die Karikaturen gedruckt hatte. "Ich wünschte, es wäre anders, und wir könnten uns so frei ausdrücken wie wir es bei allen anderen Themen tun", erklärte Chefredakteur Jacob Nybroe dem Fachblatt Journalisten. "Aber Gewalt funktioniert."

Martin Krasnik, Chefredakteur der Wochenzeitung Weekendavisen, war der Erste, der ankündigte, seine Zeitung werde die Anzeige drucken: Es sei "schrecklich", sagte er dem Radiosender P1, wenn politische Satire einfach deshalb nicht gedruckt werden könne, "weil wir Angst vor Gewalt haben". Wenig später erklärte auch die wirtschaftsfreundliche Zeitung Berlingske ihre Bereitschaft zum Abdruck der Anzeige. Chefredakteur Tom Jensen sagte in einem Interview mit der eigenen Zeitung am Montag, die Medien müssten ihre Rolle ernst nehmen, man dürfe nicht zulassen, dass es Bereiche gebe, in denen "die Regeln für Meinungsfreiheit besonders eng" ausgelegt werden. Um mögliche Sicherheitsrisiken für die Redaktion werde man sich "bei Bedarf" Gedanken machen.

Unter den Mitarbeitern bei Berlingske wird die Entscheidung nun offenbar kontrovers diskutiert. Am Montagmorgen erklärte Chefredakteur Jensen den Schritt in einer digitalen Redaktionskonferenz. Berlingske-Gewerkschaftsvertreter Ivar Carstensen berichtete hinterher der Plattform Journalisten von "Unsicherheit" und "Angst" unter Kollegen: "Ich spüre, dass viele nicht glauben, dass es den Preis wert ist", sagte Carstensen.

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