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Kindesmisshandlungen:Wenn Dänen mal nicht die Guten sind

"Die Gemeinschaft hat ihre Augen verschlossen": Mette Frederiksen hat sich als erste Regierungschefin bei früheren Heimkindern entschuldigt.

(Foto: Philip Davali/AFP)
  • In dänischen Kinderheimen wurden über Jahrzehnte hinweg Kinder schwer misshandelt.
  • Nun hat sich die Ministerpräsidentin offiziell bei den Heimkindern entschuldigt.
  • Ein Dozent für politische Philosophie erkennt darin, dass "die Dänen als Menschen reifer geworden sind und bereit, sich Fehlern aus der Vergangenheit zu stellen".
  • Eine Entschuldigung im Namen des dänischen Staates hat es bislang erst zwei Mal gegeben.

Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat sich am Dienstag im Namen ihrer Regierung entschuldigt bei den Heimkindern des Landes, die in der Vergangenheit misshandelt wurden. Auf Schloss Marienborg bei Kopenhagen sprach die Sozialdemokratin Frederiksen in Anwesenheit vieler ehemaliger Heimkinder von einem der "dunkelsten Kapitel unserer Geschichte". Während viele Kinder litten und "ihre Kindheit verloren", habe der Staat bei der Überwachung versagt: "Die Gemeinschaft hat ihre Augen verschlossen." Es geht vor allem um Misshandlungen, die zwischen 1945 und 1976 in Waisenhäusern stattfanden.

Für die ehemaligen Heimkinder war es ein "historischer Tag", wie das Kristeligt Dagblad schrieb. Die in dem Verein "Jungen von Godhavn" zusammengeschlossenen Opfer kämpfen seit 15 Jahren um die Anerkennung ihres Leids und eine Entschuldigung, die vorangegangene Regierungen mehrfach verweigert hatten. "Es hat sich gelohnt, dafür zu kämpfen", sagte der heute 70 Jahre alte Vorsitzende Poul-Erik Rasmussen bei der Veranstaltung auf Schloss Marienborg. Der Verein ist benannt nach dem Waisenhaus von Godhavn, in dem jahrzehntelang Hunderte Jungen misshandelt wurden. Dies wurde erstmals durch eine Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Senders DR 2005 bekannt. Später stellte der staatlich finanzierte Godhavn-Bericht 2012 fest, dass körperliche und psychische Gewalt, sexueller Missbrauch und medizinische Experimente an den Kindern über Jahrzehnte hinweg Alltag in mehreren Heimen gewesen waren.

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In den dänischen Zeitungen erinnerten sich viele der ehemaligen Heimkinder an ihre Erlebnisse. "Wir tragen eine Last, alle", sagte Poul-Erik Rasmussen vom Verein der Godhavn-Jungen. Er selbst berichtete der Zeitung Politiken von Lehrern, die Schülern den Arm brachen, sie auf dem ausgekühlten Boden liegen ließen und auf sie sprangen, bis diese das Bewusstsein verloren. Andere erinnern sich an sadistische Aufpasserinnen, die sie mit nassen Handtüchern oder Kleiderbügeln prügelten und mit eiskaltem Wasser abspritzten. Im Godhavn-Heim nahm der betreuende Psychiater Ib Ostenfeld von 1960 an Experimente mit Psychopharmaka an Jungen vor, über die er selbst dann in Fachjournalen berichtete. Einige der Kinder wurden später drogenabhängig, manche begingen Suizid. Staatliche Inspektoren fanden all die Jahre nie etwas auszusetzen: "Niemand wagte es, Probleme aufzudecken", zitiert Politiken aus einem späteren Bericht über die Misshandlungen. "Aus Angst vor Konsequenzen wagte es niemand, frei zu sprechen."

Dass der dänische Staat so lange zögerte mit einer Entschuldigung, führt der Verwaltungsrechtler Michael Gøtze auf die Angst vor möglichen Entschädigungszahlen zurück. Poul-Erik Rasmussen vom Verband der Godhavn-Jungen sagte, ihm selbst sei die Entschuldigung der Premierministerin am wichtigsten, er wolle kein Geld. "Aber wenn jemand versucht, auch eine Entschädigung zu bekommen, dann kann ich das sehr gut nachvollziehen. Wenn wir als Verein da helfen können, dann werden wir das tun", sagte er Politiken. Beobachter verweisen auf das norwegische Beispiel. In Norwegen haben ehemalige Waisenhauskinder nach einer Untersuchung ähnlicher Missstände Entschädigungszahlungen erhalten, es gab eine breite politische Mehrheit dafür.

Sune Lægaard, ein Dozent für politische Philosophie an der Universität Roskilde, sieht schon in der offiziellen Entschuldigung einen großen Fortschritt. Das traditionelle Selbstverständnis der Dänen sei nämlich eines, "in dem wir immer die Guten waren und immer nur die Opfer von Ungerechtigkeiten. Nie haben wir selbst welche verursacht", sagte er dem Kristeligt Dagblad. Da sei ein solches Eingeständnis staatlicher und gesellschaftlicher Schuld wie das der Premierministerin schon ein Zeichen dafür, dass "die Dänen als Menschen reifer geworden sind und bereit, sich Fehlern aus der Vergangenheit zu stellen". Eine Entschuldigung im Namen des dänischen Staates hat es bislang erst zwei Mal gegeben: 1999 entschuldigte sich der damalige Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen bei jenen Grönländern, die 1953 aus ihrer Heimat Thule zwangsumgesiedelt wurden, um Platz zu machen für einen Stützpunkt der US-Luftwaffe. Und 2005 entschuldigte sich der damalige Premier Anders Fogh Rasmussen für die Auslieferung verfolgter Juden an Nazi-Deutschland.

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