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Coronavirus:Im Ausnahmezustand

Erste Tote in Deutschland, ganz Italien abgeriegelt, Kurssturz an den Börsen, Fußballspiele ohne Fans im Stadion. Wie das Coronavirus das Leben verändert.

Von Malte Conradi

Die Bundesregierung schnürt ein eiliges Hilfspaket für die Wirtschaft, die Börsen brechen ein, Fußballspiele finden ohne Zuschauer statt - die Furcht vor einer weiteren schnellen Ausbreitung des Coronavirus führt zu erheblicher Unruhe in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Am Montag wurden erstmals in Deutschland zwei Todesfälle aufgrund einer Covid-19-Erkrankung gemeldet. In Essen starb eine 89-jährige Frau an einer Lungenentzündung infolge der Infektion mit dem Coronavirus. Ein 78-jähriger, vorerkrankter Mann starb in Heinsberg. Der nordrhein-westfälische Landkreis ist von der Epidemie stark betroffen, dort wurden bis Montagmorgen 292 Fälle gemeldet.

Aus Sorge vor einem weltweiten Wirtschaftsabschwung kam es an den Börsen zu regelrechten Panikverkäufen. Der deutsche Aktienindex Dax brach um etwas mehr als acht Prozent ein. An der US-Börse wurde der Handel zwischenzeitlich ganz ausgesetzt. Italien weitete am Montagabend die regionalen Sperrungen auf das ganze Land aus. Ministerpräsident Giuseppe Conte untersagte alle Reisen innerhalb des Landes. "Es wird nicht nur eine rote Zone geben", sagte er. "Es wird Italien sein", sagte er. Conte rief seine Landsleute auf zu Hause zu bleiben, sofern sie nicht zur Arbeit müssen oder dringende Angelegenheiten zu erledigen haben. Alle öffentlichen Versammlungen sind verboten. Sportveranstaltungen werden bis 3. April ausgesetzt. Die Schließung von Schulen und Universitäten wird landesweit bis 3. April verlängert. Der öffentliche Verkehr soll aber weiter in Betrieb sein. Mittlerweile haben sich in Italien fast 10 000 Menschen angesteckt, mehr als 460 sind gestorben.

Coronavirus Drive-In Teststation

Im Vorbeifahren: Wer im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg Sorgen vor einer Coronavirus-Infektion hat, kann sich künftig direkt aus dem Auto heraus testen lassen. Hier zeigen Klinikmitarbeiter bei einem Pressetermin, wie die „Drive-In“-Station funktionieren soll.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

In Deutschland einigte sich die Regierungskoalition in Berlin in der Nacht zum Montag auf ein Hilfspaket. Es sieht vor, dass die Hürden für den Bezug von Kurzarbeitergeld gesenkt werden. Arbeitgeber sollen die Sozialbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden voll erstattet bekommen. Zudem will die Regierung ein milliardenschweres Investitionspaket schnüren. "Wir werden die Investitionen des Bundes in den Jahren 2021 bis 2024 um jeweils 3,1 Milliarden Euro verstärken", heißt es in dem Beschluss. Hinzukommen sollen Liquiditätshilfen, Bürgschaften und Steuerstundungen für einzelne Branchen.

Sollte sich die Lage weiter verschärfen, werde die Bundesregierung "schnell und passgenau" reagieren, versprach Regierungssprecher Steffen Seibert.

Zuvor hatte auch CSU-Chef Markus Söder weitere Hilfen des Bundes für die Wirtschaft in Aussicht gestellt: "Wir sind erst am Anfang der Probleme, nicht am Ende. Je nach Verlauf könnte noch ein großes Konjunkturpaket notwendig sein." Italiens Ministerpräsident Conte und der französische Finanzminister Bruno Le Maire forderten koordinierte Hilfen der EU.

"Das wirksamste Mittel gegen das Virus ist, seine Ausbreitung zu verlangsamen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Wir erarbeiten uns also wertvolle Zeit." Diese Zeit brauche man, damit die Wissenschaft an Medikamenten und Impfstoffen forschen könne, sagte Merkel. Gesundheitsminister Jens Spahn rief alle Bürger zur Mithilfe auf. Jeder solle seine Möglichkeiten abschätzen, die Ausbreitung des Virus zu bremsen: "Es ist sicher leichter, auf ein Konzert, einen Klubbesuch, ein Fußballspiel zu verzichten als auf den täglichen Weg zur Arbeit."

Spahn wiederholte seinen Aufruf vom Tag zuvor, auf Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern zu verzichten. Bayerns Regierung will solche Events ganz untersagen, zunächst bis Karfreitag. Auch bei der Frage, ob große Fußballspiele vor Zuschauern stattfinden können, blieb Spahn bei seiner Empfehlung: lieber nicht. Die Fußballliga DFL kündigte an, am Spielbetrieb in der Erst- und Zweitliga festzuhalten - unter Beachtung der Auflagen örtlicher Behörden. Frankreich hat Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern verboten, das Champions-League-Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund am Mittwoch wird vor leeren Rängen ausgetragen.

Das Robert-Koch-Institut dringt auf schnelle Vorkehrungen - möglicherweise auch die Schließung öffentlicher Einrichtungen. "Das ist eine ernste Lage, und diese Lage könnte sich weiter zuspitzen", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Deutschlandweit hatten sich laut RKI bis Montagabend 1139 Personen infiziert. Neben Nordrhein-Westfalen sind Bayern und Baden-Württemberg besonders betroffen. In Brandenburg sind nach einem Verdacht an einer Schule in Neustadt/Dosse bis zu 2250 Menschen in häuslicher Quarantäne.

© SZ vom 10.03.2020
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