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Corona-Krise:Eine Frage der Verantwortung

Über den Ausgang der Krise entscheiden nicht markige Politiker mit Führungsanspruch, sondern die nahezu in Vergessenheit geratenen Gesundheitsämter.

Von Kristiana Ludwig

Es ist schon enttäuschend. Da spricht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), sonst Virusbekämpfer an vorderster Front, erst davon, dass er die Corona-Tests "massiv" ausgeweitet habe. Und keine drei Tage später muss ein Herr Zapf vom Landesgesundheitsamt vor die Presse treten und über seine ernüchternden Erfahrungen an den Autobahnen berichten: Diese computergestützten Tests seien leider "gar nicht so trivial", Helfer hätten Formulare handschriftlich ausfüllen müssen, überhaupt habe es viel mehr Tests gegeben als gedacht. Jetzt also müssen Zehntausende Menschen auf ihre Ergebnisse warten. Allerdings gibt es noch eine weitere Perspektive auf das bayerische Debakel: Immerhin gab es hier Herrn Zapf - jemanden, der Gesundheitsaufgaben für ein Bundesland koordiniert, der Verantwortung trägt. Das ist bei Weitem nicht überall in Deutschland so.

Anders als es bei den Auftritten der Ministerpräsidenten wirkte, sind es nicht markige Politiker mit Führungsanspruch, die über den Ausgang der Corona-Krise entscheiden. Die Pandemie wird in den Untiefen der kommunalen Verwaltungen bekämpft, von Gesundheitsämtern, die vor Corona nahezu in Vergessenheit geraten waren. Während es in Bayern zumindest auf Landesebene Strukturen gibt, die den Infektionsschutz regeln könnten, sind Ämter in anderen Ländern auf sich allein gestellt. Sie sind dann auf behelfsmäßige Unterstützung angewiesen.

In der bisherigen Corona-Hochphase im Frühjahr waren es oft Studenten, die den Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung helfen sollten. Die hatten zwar Elan, aber kaum Kenntnisse über Epidemiologie oder Behördenstrukturen. Beim bislang größten Ausbruch in Gütersloh eilten einige Mitarbeiter vom Robert-Koch-Institut und die Bundeswehr zu Hilfe - und verschwanden danach wieder. Andernorts mussten Angestellte aus dem Veterinär- oder dem Sozialamt in die unterbesetzten Gesundheitsbehörden umziehen. Berichte darüber, dass es an digitaler Kommunikation fehlt, kommen längst nicht nur aus Bayern. Die Koalition hat für die digitale Aufrüstung Geld versprochen. Angekommen ist es noch nicht.

Auch bei den neuen Pflichttests zeigt der Föderalismus keine Gnade: In Bayern läuft es an den Autobahnen schlecht - in Nordrhein-Westfalen etwa gibt es gar keine Testzentren an der Straße. Stattdessen fürchten sich nun die Hausärzte vor einem Ansturm hustender Spanien-Urlauber. Selbst die Testzentren an den Flughäfen organisiert in NRW keine Behörde. Diese Aufgabe hat das Land kurzerhand den Kassenärzten übertragen. Doch wer würde hier schuldbewusst vor die Kameras treten, wenn sich die Tests ungeprüft stapelten? Die föderale Vielfalt offenbart auch einen kreativen Umgang der Politiker mit Verantwortung.

Bund und Länder arbeiten nun an Konzepten für mehr Personal. Doch das dauert viel zu lange. Was Gesundheitsämter jetzt brauchen, ist schnelle und fähige Unterstützung. Sinnvoll wären etwa Expertenteams, die sofort anpacken könnten. Digital und medizinisch geschult könnten solche Teams zum Ende der Sommerferien an den Autobahnen helfen - und im Herbst vielleicht anderswo. Verantwortung für den Aufbau einer solchen Truppe könnte der Bund übernehmen. Zumindest sollte er sich verantwortlich fühlen.

© SZ vom 14.08.2020

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