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Corona-Schnelltests in Pflegeheimen:Schnell nur in der Theorie

Coronavirus - Tübingen

Corona-Schnelltest in Tübingen: Oft fehlt es an Personal, Geld oder Material.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Eigentlich sollen Corona-Schnelltests verhindern, dass Heimbewohner im Winter allein bleiben müssen. Doch nur ein Bruchteil der Heime setzt sie ein.

Von Lena Kampf, Teresa Roelcke und Rainer Stadler

Schnelltests sollen die Lösung dafür sein, dass Hochrisiko-Patienten im Winter nicht allein bleiben müssen: Ein Abstrich der Besucher an der Tür des Altenheims, Zeit für eine Tasse Kaffee, und wenn spätestens nach 15 bis 20 Minuten das - negative - Ergebnis vorliegt, steht einem Besuch bei Oma oder Opa nichts mehr entgegen.

Das Bundesministerium für Gesundheit hatte Mitte Oktober angekündigt, den Alten- und Pflegeheimen einen großzügigen Einsatz der Tests zu ermöglichen: Bis zu 20 Tests pro Bewohner und Monat sollten ihnen von den Krankenkassen erstattet werden. Die Tests weisen Eiweißfragmente des Coronavirus nach. Sie sind aber laut Experten nicht so zuverlässig wie die sogenannten PCR-Tests. Es müsse klar sein, "dass die Antigen-Schnelltests fehleranfälliger sind als die bereits praktizierten PCR-Tests und nur bei asymptomatischen Personen zum Einsatz kommen sollten", erklärt Karolina Molter, die im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes den Fachbereich Altenhilfe und Pflege leitet. Schnelltests könnten deshalb nur als zusätzliches Instrument dienen. Ihr großer Vorteil, wie schon der Name verrät: PCR-Tests müssen zur Diagnostik ins Labor. Es kann Tage dauern, bis das Ergebnis vorliegt. Schnelltests können direkt vor Ort ausgewertet werden.

Doch auch Schnelltests müssen von medizinisch geschultem Personal durchgeführt werden. Und da fangen die Hürden für die chronisch unterbesetzten Heime an: Wenn ein Heim mit 80 Bewohnern einmal pro Woche testen wolle, seien zwei bis drei Mitarbeiter allein damit beschäftigt, rechnete Bodo de Vries vor, Vorstand des Deutschen Evangelischen Verbands für Altenarbeit und Pflege. Deshalb verzichten viele Heime bisher auf die Tests.

"Bitte prüfen Sie, ob Ihr Besuch derzeit erforderlich ist."

Einen Antigen-Schnelltest könne man derzeit nicht anbieten, heißt es etwa in einem Brief des Hessischen Diakonievereins Darmstadt, der zum Agaplesion-Konzern gehört, an die Angehörigen der Heimbewohner. "Der damit verbundene Personaleinsatz" sei nicht zu leisten. Auch eine künftige Schnelltestung der Bewohner könne man noch nicht verbindlich zusagen. Man bitte um Verständnis, verbunden mit einer Aufforderung an die Angehörigen: "Bitte prüfen Sie, ob Ihr Besuch derzeit erforderlich ist."

Auch das AWO-Seniorenheim in Augsburg-Göggingen hat bisher weder Bewohner, noch Besucher, noch Mitarbeiter anhand von Schnelltests getestet - entgegen dem Wunsch der Angehörigen, die bereits im Oktober in einem offenen Brief gefordert hatten, mit den Schnelltests auch Besuche auf den Zimmern möglich zu machen. Auf Nachfrage kündigt der Einrichtungsleiter an, innerhalb der nächsten zwei Wochen mit der Verwendung von Schnelltests zu beginnen.

Die Heime sind nicht dazu verpflichtet, die Schnelltests einzusetzen. Und bevor die Tests eingesetzt werden können, müssen die Pflegeheime Testkonzepte erarbeiten. Die wiederum muss das lokale Gesundheitsamt genehmigen, damit die Tests später von den Krankenkassen erstattet werden. Dabei kommt es immer wieder zu erheblichen Verzögerungen. Der BIVA-Pflegeschutzbund befragt aktuell Einrichtungsmitarbeiter in ganz Deutschland, ob sie die Schnelltests einsetzen. Zwischenfazit: Keine fünf Prozent der Antwortenden bejahten die Frage.

"Eine Supersache - wenn man an welche rankommt."

Zu dieser Minderheit zählt Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozialholding Mönchengladbach, die sieben Altenheime betreibt. Er sagt, er könne bei Verdacht auf eine Corona-Infektion binnen zwei, drei Stunden alle Bewohner und das gesamte Personal einer Einrichtung durchtesten. Auch wenn er weiß, dass die Schnelltests keine hundertprozentige Sicherheit garantieren, hält er sie für "eine Supersache - wenn man an welche rankommt". Von anderen Einrichtungen hat er gehört, dass dies oft nicht gelingt.

Laut Karolina Molter vom Deutschen Roten Kreuz kommt es in vielen Fällen auch zu Lieferengpässen: "Aus den Einrichtungen hören wir oft, dass bestellt wurde, aber nicht geliefert." Teilweise würde die erste Tranche an Tests geliefert, die zweite Tranche "dann schon nicht mehr oder sehr zeitverzögert". Engpässe bei den Schnelltests seien deshalb zu befürchten.

Anders als beim Schutzmaterial müssen die Träger und Heime sich die Tests selbst beschaffen. Doch auf dem Markt herrsche nun "das gleiche Chaos, wie im Frühjahr bei den Masken", ärgert sich Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung. Als großer Träger könne er hohe Mengen an Tests selbst beschaffen. Es wurde auch schon eine zugesagte Bestellung über 100 000 Tests im letzten Moment von einem Konkurrenten abgeworben. "Mal kommt eine Maschine aus China nicht an, mal kommt eine Lieferung tagelang nicht aus dem Zoll."

Ein weiteres Problem sei, dass der gerade erhöhte Pauschalbetrag für die Tests, den Krankenkassen erstatten, nicht immer die tatsächlichen Kosten deckt, kritisiert DRK-Managerin Molter. Das heißt, die Einrichtungen müssen die Differenz ausgleichen, solange die Nachfrage nach den Schnelltests so groß ist wie im Moment. Eine Mitfinanzierung der Tests durch die Einrichtungen und Träger, sagt Molter, sei jedoch "nicht hinnehmbar".

© SZ/mikö
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