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Corona-Pandemie:Große Politik in kleinen Dosen

Auch in Indien werden zuerst Mitarbeiter im Gesundheitswesen geimpft, wie hier am Institute of Kidney Diseases and Research Centre (IKDRC) in Ahmedabad.

(Foto: Sam Panthaky/AFP)

Indien startet eine riesige Impfkampagne gegen Covid-19: Allein bis zum Sommer sollen 300 Millionen Menschen immunisiert sein. Delhi setzt dabei auch auf ein selbst entwickeltes Vakzin - um sich nicht von China abhängig zu machen.

Von David Pfeifer, Bangkok

Am Samstag also ist sie losgegangen, die große Aktion, Indien gegen Corona zu immunisieren. "30 Millionen Covid-Krieger werden in der ersten Phase kostenlos geimpft", gab Ministerpräsident Narendra Modi in einer Fernsehansprache bekannt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitssystems sind als Erste dran. Aber nicht jeder freut sich auf die Impfung. "Wir sind ein bisschen in Sorge", sagte Manish Mishar, ein Arzt am Patna Medical College and Hospital in Bihar dem Online-Magazin Scroll.in, "aber wir haben kaum eine Wahl, da wir diejenigen sind, die mit den Patienten in Kontakt kommen."

Nach Zahlen hat Indien die zweitmeisten Covid-Erkrankten weltweit, nach den USA. Dort wurden bisher etwa 24 Millionen Infektionen registriert, in Indien sind es mehr als zehn Millionen. Allerdings wird das indische Gesundheitsministerium nicht müde zu betonen, dass die indische Bevölkerung etwa vier Mal so groß ist und die Sterberate niedriger. Gesundheitsexperten vermuten, dass das weniger am Gesundheitssystem liegt, als daran, dass die indische Bevölkerung vergleichsweise jung ist. Nun geht es daran, etwa 1,3 Milliarden Inderinnen und Inder gegen Covid-19 zu immunisieren. Ein gigantisches Unterfangen, alleine was die Logistik angeht.

Zwei Impfmittel werden seit Monaten in großen Mengen hergestellt, noch bevor auch nur eines davon zugelassen war. Einerseits "Covishield", entwickelt in Europa von Oxford und Astra Zeneca. Es läuft im Serum Institute in Pune vom Band, dem mengenmäßig größten Impfdosen-Hersteller weltweit. Die Alternative ist das Mittel "Covaxin", eine Entwicklung des indischen Herstellers Bharat Biotech. "Covaxin" wurde durch eine Notzulassung gepeitscht, weswegen nicht nur Manish Mishar vom Patna Medical College and Hospital in Sorge ist wegen Wirkung und Nebenwirkungen des Vakzins. Laut einer Umfrage sehen bis zu 70 Prozent der Inder die Impfungen sowieso skeptisch. "Vor die Wahl gestellt, würde ich natürlich das Oxford-Vakzin nehmen, aber wir wissen nicht, was wir kriegen und ob wir uns etwas aussuchen können", sagte Manish Mishar.

Premier Modi spricht vom "größten Impfprogramm der Welt"

Man kann es sich nicht aussuchen - "solche Zugeständnisse macht kein Land", erklärte Gesundheitsminister Rajesh Bhushan vergangene Woche. 5,5 Millionen Einheiten zu je 200 Rupien (2,25 Euro) hat die Regierung bereits von "Covaxin" bestellt. Und elf Millionen Einheiten "Covishield" zu 295 Rupien (3,30 Euro), um mit den kostenlosen Impfungen loslegen zu können. Das Wählerregister dient als Grundlage. 3006 Stationen wurden im ganzen Land eingerichtet, das flächenmäßig etwa neun Mal so groß ist wie Deutschland. Eine eigens entwickelte Software (Co-Win) soll den Bestand und die Geimpften in Echtzeit registrieren und den Nachschub sinnvoll verteilen. Sonderflüge werden eingesetzt. Zeitgleich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gesundheitssystems sind Polizei, Militär und Gefängnispersonal unter den ersten 30 Millionen. Danach kommen 270 Millionen Menschen über 50 Jahren und Risikopatienten dran. "Wir starten das größte Impfprogramm der Welt, und es wird der Welt zeigen, zu was wir fähig sind", sagte Premier Modi am Samstag.

Da ein weiterer Lockdown die ohnehin angeschlagene Wirtschaft zusätzlich schwächen könnte, setzt die indische Regierung auf Immunisierung, um möglichst bald wieder zum Alltag zurückkehren zu können. Bis Anfang August sollen etwa 300 Millionen Inderinnen und Inder eines der beiden Vakzine verabreicht bekommen haben. Die einen werden nun also zwangsimmunisiert, während etwa eine Million Hindus zur gleichen Zeit an den Ganges pilgerten, um dort an ihrem größten religiösen Fest Kumbh Mela teilzunehmen. In diesen Zeiten ist das ein Superspreader-Ereignis. Die Veranstalter hatten im Vorfeld zugesichert, auf Social Distancing zu achten und Nummern für die Waschung im Fluss auszugeben. Aber von Abstand war nicht viel zu sehen.

China bietet sein Vakzin quasi zum Selbstkostenpreis an

Währenddessen laufen die Fertigungsstationen bei Bahrat Biotech und dem Serum Institute weiter auf Hochtouren. Das Serum Institute stellt im Normalfall nicht nur Vakzine für den indischen Markt her, sondern versorgt die Nachfrage weltweit, auch mit Impfstoffen gegen Masern, Mumps, Hepatitis, Tollwut, Polio und Diphtherie. Seit den Sechzigerjahren werden hier Vakzine in großer Stückzahl produziert, die Familie Poonawalla ist damit wohlhabend und einflussreich geworden. Premier Modi besuchte den CEO, Adar Poonawalla, bereits im Dezember, um sicherzustellen, dass genügend Dosen für den indischen Markt vorrätig gehalten werden. Denn das Serum Institute hat auch Verpflichtungen gegenüber der Gates-Stiftung und der Impfallianz Gavi, die 100 Millionen Dosen bestellt haben, auch für ärmere Länder als Indien. Die Weltgesundheitsorganisation und Partnerorganisationen drängen ebenfalls auf eine gleichmäßige Verteilung der Vakzine.

Modi besuchte aber auch Bahrat Biotech. Etwa 1,65 Millionen Dosen stellt der Konzern dem indischen Staat kostenlos zur Verfügung. Die Regierung hatte die Firma finanziell unterstützt, um ein eigenes Vakzin zu entwickeln. Vor allem wollte man wohl nicht abhängig werden von China, das sein Vakzin Sinovac Biotech quasi zum Selbstkostenpreis nach Pakistan und Indonesien liefert, und damit Geopolitik betreibt. Indien und China liegen sich schon im Himalaja feindlich gegenüber und überziehen sich mit Handelsblockaden. Da will man in der Pandemie nicht voneinander abhängig sein.

© SZ
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