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Corona-Krise:Urlaubsunglück

Gut möglich, dass im Reisebüro gebuchte Hotels geschlossen sind.

Von Lea Hampel

Wollte jemand zu Prä-Corona-Zeiten eine Reise tun, buchte er, fuhr los, erholte sich, kam wieder. Als Unglück galt, im Standardfall, wenn das Bett unbequem oder die Sicht aufs Meer eingeschränkt war. Die Gesetze des Urlaubens hat das Coronavirus bekanntermaßen außer Kraft gesetzt. Doch die Freiheit des Reisens beeinträchtigen derzeit nicht nur Reisebeschränkungen. Vielmehr scheint mit dem Menschenstrom auch der Informationsfluss unterbrochen.

Vor Stefanie Deiters, seit 16 Jahren Inhaberin der "Urlaubsoase" in Aichach nahe Augsburg, stehen zuletzt öfter Menschen, die zwei Tage vor Abreise angerufen wurden, dass ihr Hotel nicht aufhat, man aber auch keine Alternative kenne vor Ort. "Da hat doch der Kunde längst seine Koffer gepackt", sagt sie. Deiters, Reisefachfrau seit zwei Jahrzehnten, will solchen Menschen helfen. Aber ob eines der anderen mehr als 270 000 Hotels weltweit (und das ist nur die Zahl für die mit mehr als zehn Betten) offen hat, wissen derzeit oft gerade mal dessen Chef und Angestellte. Wer von Teilöffnungen, Öffnungen, Schließungen oft nichts erfährt, sind die 11 000 Reisebüros in Deutschland. Deiters hat deshalb eine Art Selbsthilfegruppe für Touristiker gegründet.

Nötig ist das wegen eines, man kann es nicht anders nennen, multiplen Systemversagens in der Touristikbranche. Bei manchem Konzern geht seit Mitte März niemand ans Telefon; manch kleiner Veranstalter wird angesichts täglich neuer Angaben, wer wann wohin fliegen darf, von Arbeit überflutet. Hotels sind eher damit beschäftigt, ihr Frühstücksbuffet virensicher zu organisieren, als Daten zu aktualisieren. Die Technik, stets nur so funktionstüchtig, wie sie vom Menschen mit Informationen gefüttert wird, ist längst eher Hindernis denn Hilfe: Oft sind im Buchungssystem Hotels als verfügbar vermerkt, die seit Februar geschlossen haben. Auch auf für Nicht-Touristiker einsichtbaren Plattformen steht über Häuser, sie seien "vorübergehend geschlossen", während sich längst Gäste auf deren Liegestühlen rekeln. Oder wie Deiters sagt: "Nicht mal googeln hilft."

"So gehts nicht weiter", stellte sie denn am 7. Juli fest und eröffnete auf Facebook, wo sich sonst Katzenfans und Kinoliebhaber zusammentun, die Gruppe "Hotels 2020 - open or closed". Nach nur neun Tagen haben mittlerweile 3600 Mitglieder durch die Kombination alter und neuer Technologie eine Schwarmintelligenz kreiert. Jeder, der weiß, ob ein Hotel offen ist oder zu, postet das. Mehr als 600 Einträge gibt es bereits, Mitglieder können sie nach Name und Gegend durchsuchen.

Taucht ein Hotel nicht auf, heißt es: selbst anrufen. "Es tut uns leid, Fragen werden nicht freigegeben", lautet eine der Administratorenregeln. "Es wäre toll wenn Du Dein gewünschtes Hotel selbst kontaktierst und das Ergebnis hier einstellst." Die zur Administratorin gewordene Reisefachfrau Deiters verbringt mittlerweile vier Stunden ihres Tages auch damit, Nutzer freizuschalten.

Unter denen waren anfangs vor allem Kolleginnen und Kollegen. Dann kamen die ersten Veranstalter hinzu. Und mittlerweile: Steigt die Zahl der Hotelbesitzer, die vermelden, dass sie wieder aufmachen.

© SZ vom 16.07.2020

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