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Corona:Die amerikanische Krankheit

Mehr als 200 000 Tote hat die Pandemie bereits gefordert, doch die USA lassen die Seuche weiter geradezu apathisch über sich ergehen. Schlimmer noch: Nirgendwo anders wird Corona von der Politik so zynisch instrumentalisiert.

Von Stefan Kornelius

Zweihunderttausend Corona-Tote sollten für eine hoch entwickelte Industrienation wie die USA Grund zum Innehalten sein. Warum diese hilflose Reaktion auf die Pandemie? Warum diese Unfähigkeit zur medizinischen Massenvorsorge? Warum diese kollektive Apathie? Die USA haben oft genug auf große Krisen mit großen Taten reagiert. Diesmal verpufft sogar die Empörung des ersten Augenblicks. Corona ist zwar nicht zur Normalität geworden, wird aber inzwischen oft behandelt wie ein Naturereignis, das man über sich ergehen lassen muss.

Überall spiegelt sich in der Pandemie-Reaktion so etwas wie ein nationaler Charakter. Ein Volk, das in Sachen Daseinsfürsorge keine hohen Erwartungen an den Staat hat, akzeptiert sein Schicksal mit wenig Klage. Das reicht aber nicht aus zur Deutung der Katastrophe in den USA.

Nirgendwo auf der Welt wird die Pandemie derart politisiert und instrumentalisiert wie in den USA. Es zeugt vom Zynismus der amerikanischen Politik und vor allem des Präsidenten, die selbst aus dieser elementaren Überlebensfrage einen Funken Vorteil zu schlagen vermögen. Donald Trumps China-Anklage vor den Vereinten Nationen ist der letzte Beweis: Dieser Präsident übernimmt keine Verantwortung und lebt von der Schuldzuweisung. Die Pandemie aber taugt nicht für Sündenböcke.

© SZ vom 24.09.2020

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