Computerspiele:Digitale Nachtwache

Wie Peking junge Chinesen vom Dauer-Zocken abhalten will.

Von Lea Sahay

Dass Kinder erfinderisch werden, wenn es um das Verhandeln von Spielzeit am Computer geht, ist bekannt. Es wird geflunkert, gebettelt und gestritten. Gerne knallt es auch mal kurz vor dem Zubettgehen, sind zockende Jugendliche doch besonders nachtaktiv. Eine Runde geht immer noch.

Der Spielehersteller Tencent aus dem südchinesischen Shenzhen hat seine Jugendschutzmaßnahmen deshalb auf drastische Weise verschärft. Um das Endlos-Gedaddel zu nachtschlafender Zeit in den Griff zu bekommen, setzt das Unternehmen auf Gesichtserkennung. Ein eingebautes Programm, eine Art digitale Nachtwache, scannt dafür das Gesicht des Spielers, um herauszufinden, ob der nicht schon längst ins Bett gehört. Bei der Bettzeit orientiert sich der Spielehersteller an der staatlich verordneten Sperrstunde für jugendliche Spieler im Land. Diese liegt zwischen 22 Uhr abends und 8 Uhr morgens.

Bei mehr als 60 seiner Videospiele ist die Schutzfunktion bereits aktiv. Darunter auch bei dem Rollenspiel "Honor of Kings", das zu den erfolgreichsten Handyspielen der Welt gehört. Bis zu 100 Millionen Chinesen zocken das Fantasy-Spiel pro Tag. Wie die Technologie genau funktioniert, ob die Software das Alter anhand von Gesichtsmerkmalen berechnet oder mit Gesichtsdaten abgleicht, die es womöglich aus staatlichen Datenbanken bezieht, ist nicht bekannt.

China ist der größte Markt für Computer- und Videospiele, eine globale Gaming-Hochburg. Mehr als jeder Dritte spielt regelmäßig. Einerseits ist die Videospiel-Industrie ein Milliardengeschäft und wichtiger Wirtschaftszweig, Hersteller wie Tencent sind globale Schwergewichte.

Gleichzeitig bereitet die unkontrollierte Spiellust den Behörden seit Jahren Sorgen, Staatsmedien sprechen von einem Gift. Viele Games seien zu gewalttätig, zu freizügig, zu süchtig machend. Gerade junge Spieler seien gefährdet, der Spielsucht zu verfallen. Chinesische Schüler haben in der Regel nur wenig Freizeit neben der Schule. Nur wenige haben ein Hobby oder sind Mitglied in einer Sportmannschaft. Zocken ist für viele die einzige Rückzugsmöglichkeit, auch um Stress abzubauen.

Seit Jahren erlassen die Behörden deshalb immer striktere Vorgaben, um die Spielzeit von Schülerinnen und Schülern zu reduzieren. Sie sollen lieber fürs echte Leben lernen, als sich durch Fantasiewelten zu schlagen.

Bereits seit 2019 ist ihre Spielzeit monatlich begrenzt, an Werktagen dürfen sie maximal 90 Minuten spielen. Gedeckelt ist auch, wie viel sie für Onlinespiele und neue Spielfunktionen ausgeben können. Die Vorgaben müssen nicht von den Eltern durchgeboxt werden. Vielmehr stehen die Entwickler unter Druck, sich eine Lösung für die Durchsetzung auszudenken. Sonst drohen ihnen Strafen oder die Abschaltung. Daher wohl nun auch der Vorstoß von Tencent.

Vor dessen neuen Schutzmaßnahmen sind indes auch Erwachsene nicht gefeit. Wenn der digitale Nachtdienst einen Spieler bei einer Kontrolle für jünger als 18 Jahre hält, fliegt er raus. Protest ist laut Tencent zwecklos. Fälschlicherweise als zu jung identifizierte Erwachsene können es am nächsten Abend wieder probieren. Und solange erst mal ins Bett gehen.

© SZ
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