"Churchill, Hitler und der unnötige Krieg" Hitler? Harmlos!

Nonsens-Ideen mit Unterhaltungswert

Zur Charakterisierung von Buchanans Buch gibt es im Englischen eine treffende Redewendung: Die Lücken in der Argumentation sind so groß, dass da ein Laster durchfahren könnte. Dem möglichen Einwand, ein siegreiches Drittes Reich hätte das KZ-System noch weiter ausgebaut, begegnet Buchanan mit der Behauptung, die Einrichtung von Vernichtungslagern sei überhaupt erst eine Folge des Weltkriegs gewesen, der wiederum ohne die britische Kriegserklärung nicht begonnen hätte. Ja, so wäre denn letztlich Churchill verantwortlich für die Vernichtung der Juden.

Zur Untermauerung seiner Thesen zitiert Buchanan bis zur Verfälschung selektiv aus Hitlers Reden. Andere Figuren und Institutionen des NS-Reichs zieht er so gut wie nicht in Betracht. Die megalomane Dynamik, die Hitler und dem NS-System eigen war, übergeht er. Henry Kissinger hat darauf hingewiesen, dass die britische Presse und mit ihr die Öffentlichkeit nach dem Beginn des Polenfeldzugs unbedingt dafür war, Hitler zu bekämpfen.

Hätte Churchill das anders gesehen, wäre er 1940 wohl nicht Premierminister geworden. Auch das ignoriert Buchanan. Den Unterhaltungswert seiner Nonsens-Ideen beiseitegelassen, ist es interessant, warum er sie überhaupt aufschreibt.

Buchanans Ideen sind nicht neu

Der Gedanke, Churchill habe einen Fehler gemacht, als er dem Dritten Reich den Krieg erklärte, ist alt. Dass Großbritannien nicht bloß die Sowjetunion zur Weltmacht werden ließ, sondern zudem auch 1945 finanziell ruiniert war und deshalb sein Empire nicht mehr aufrechterhalten konnte, hat vor rund 50 Jahren schon der Historiker A. J. P. Taylor moniert, der immer gern das Gegenteil von dem sagte, was alle dachten.

Buchanans Parteinahme für Chamberlains Appeasementpolitik ist auch nicht neu. Nach 1945 hat es sich eingebürgert, mahnend daran zu erinnern, dass Chamberlain und Daladier in München 1938 über den Kopf der tschechoslowakischen Regierung hinweg Hitlers Anspruch auf das Sudentenland stattgaben. Chamberlain wähnte, damit den Frieden zu bewahren, und bestärkte das Dritte Reich doch nur in seinem Expansionsdrang.

Auf das Münchner Abkommen bezieht sich seither, wer falsch verstandenen Friedenswillen brandmarken und einen Angriffskrieg rechtfertigen will. Aber schon anlässlich der Suezkrise 1956 und dann anlässlich des Vietnamkriegs warnten Kritiker davor, aus dem Münchner Abkommen eine falsche Lehre zu ziehen.

"America First"

1993 wollte der rechte britische Historiker John Charmley Churchill vom Sockel stürzen. Der Kriegspremier habe nur zwei Dinge erreicht: Das Empire sei verspielt und Großbritannien zum Mündel der USA gemacht worden ("Churchill: The End of Glory"). Der inzwischen verstorbene britische Historiker und konservative Politiker Alan Clark, auch er ein Freund absurder Theorien, setzte dem noch eins drauf: Nicht gegen Hitler hätte Churchill kämpfen sollen; wäre Großbritannien weitsichtig gewesen, hätte es seinen wahren Gegner schon damals in den USA erblickt.

Mit seinen exzentrischen Thesen ist Patrick Buchanan in passender Gesellschaft. Auffällig ist indes, dass er sich mit seiner Fürsprache für Chamberlain eine Argumentation zu eigen macht, die zumeist Linke und Pazifisten vorgetragen haben. Doch anders als sie hält Buchanan Chamberlains Appeasementpolitik für vernünftig, weil er ein Anhänger des Isolationismus ist, der früher auch unter dem Rubrum "America First" firmierte.

Er findet es großartig, dass die USA erst Ende 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten und erst im Sommer 1944 eine zweite Front zu Lande gegen Hitlerdeutschland eröffneten: So habe Amerika Ressourcen gespart und später "das Empire beerben" können.

Und dann? Der Dritte Weltkrieg

Genauso sieht Buchanan das auch. "Amerika", schreibt er, "ist die letzte Supermacht, weil es sich aus beiden Weltkriegen bis kurz vor Schluss herausgehalten hat." Vernünftig sei es gewesen, "Vorposten der Sowjetunion" - Afghanistan, Angola und Nicaragua - von "Stellvertretern" attackieren zu lassen. Amerikanische Truppen hätten in Afghanistan und im Irak nichts zu suchen, in weit entfernten Ländern, von denen man in den USA nichts weiß.

Verfehlt sei es, dass die Bush-Regierung Nato-Beistandsgarantien an die Baltischen Republiken und andere Staaten im Umfeld der ehemaligen Sowjetunion ausgegeben habe: "Bush treibt Russland China in die Arme." Und wenn ein Krieg ausbreche, weil Russland sich anders gegenüber einem kleinen, von der Nato-Garantie aufgeplusterten Nachbarn nicht mehr zu helfen wisse, müssten die USA Russland den Krieg erklären - genauso wie Churchill dem Hitlerreich wegen der Garantie für Polen den Krieg habe erklären müssen. Das wäre dann der Dritte Weltkrieg.

Buchanan ist ein miserabler Historiker. Als bornierter "America First"-Mann, der er ist, wäre er vermutlich auch ein schlechter Staatschef, nicht besser als George W. Bush. Aber seine vernichtenden Kommentare über dessen Politik sind lesenswert. Sie treffen sich im Ergebnis mit der Kritik der Linken und Liberalen an Bush. Eine solche Bewertungsallianz der Rechten, Ultrarechten, Linken und Liberalen geschmiedet zu haben - das ist eine Leistung von George W. Bush.