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China:Geständnis nach Drehbuch

Lam Wing-kee

Im Zentrum des Dramas: Lam Wing-kee.

(Foto: Jerome Favre/dpa)

Der Buchhändler Lam Wing-kee ist nach Hongkong zurückgekehrt - und wirft Peking Verschleppung vor.

Fünf Buchhändler, die über Nacht aus der Stadt verschwinden und Monate später wieder auftauchen - in chinesischem Polizeigewahrsam. Das ist der Thriller, der Hongkong seit Ende vergangenen Jahres in Atem hält und der nun eine überraschende Wendung nimmt. Der 61-jährige Lam Wing-kee spielte darin bislang nur eine Nebenrolle: Anders als sein Chef Lee Bo war er nicht der Verleger, anders als der Autor Gui Min-hai schrieb er keine jener sensationsheischenden angeblichen Enthüllungsbücher über Chinas Kommunistische Partei, die Chinas Behörden offenbar so gereizt hatten, dass sie an den fünf Männern ein Exempel statuieren wollten. Lam Wing-kee war ein einfacher Angestellter, seit er seinen Buchladen "Causeway Bay" an den Verlag der beiden verkauft hatte. Beifang im Schleppnetz der chinesischen Sicherheitsbehörden, so sah es bislang aus.

Das änderte sich Donnerstagnacht. Lam Wing-kee katapultierte sich da selbst ins Zentrum des Dramas. Mit einer Pressekonferenz, die in der Stadt wie eine Bombe einschlug. Für das demokratische Lager Hongkongs ist er seither ein Held, für Chinas KP hingegen muss sein Auftritt ein Albtraum gewesen sein. Pekings Version der Geschichte ging bislang so: Die fünf Hongkonger wurden keineswegs gegen ihren Willen festgenommen oder gar gekidnappt, im Gegenteil, sie seien den chinesischen Sicherheitsbehörden freiwillig und voller Reue in die Arme gelaufen.

So hatten das die fünf auch selbst erzählt - im Februar, als sie nach fast vier Monaten spurlosen Verschwindens auf einmal in Interviews mit dem chinanahen TV-Sender Phoenix auftauchten. Vor der Kamera "gestand" auch Lam Wing-kee, gegen chinesische Gesetze verstoßen zu haben. "Ich bin bereit, bestraft zu werden", sagte er. Lam und die anderen betonten, sie wollten den chinesischen Behörden aus freien Stücken bei einer Untersuchung "assistieren".

Nicht, dass irgendjemand in Hongkong das geglaubt hätte. Nur beweisen konnte das Gegenteil keiner. Bis Lam am Donnerstag an die Öffentlichkeit trat, nur zwei Tage nach seiner Freilassung. Bis er berichtete, wie er im Oktober nach Shenzhen fuhr, um seine Freundin zu besuchen, und an der Grenze festgenommen wurde. Wie Sicherheitsbeamte ihn dann in die Stadt Ningbo verschleppt hätten. Wie er dort fünf Monate in Einzelhaft gesessen habe. Wie die Beamten mit ihm sein falsches "Geständnis" für die Kameras probten, Regisseur und Drehbuch inklusive. "Sie gaben mir das Drehbuch und ich musste ihm folgen. Wenn ich davon abwich, wurde sie Szene neu gedreht." Lam sagte, als "freier Hongkonger" habe er zunächst nicht glauben mögen, was ihm da geschah: "Es war surreal. Eine andere Welt. Ich hoffte immer, es sei bloß ein Traum." Lam sagte auch, er habe Verleger Lee Bo getroffen; dieser habe ihm erzählt, er sei gegen seinen Willen von Hongkonger Territorium aus verschleppt worden. Lee Bo - der sich weiter auf dem Festland aufhält - bestritt dies am Freitag auf seiner Facebook-Seite.

Am Ende, sagt Lam, ließen ihn die Behörden nach Hongkong reisen, weil sie an seine Kooperation glaubten: Sie hätten ihn beauftragt, für sie eine Festplatte mit den Kundendaten der Buchhandlung zu beschaffen. Warum er an die Öffentlichkeit ging? Lam sagt, er habe als einziger der fünf keine engste Familie: "Wenn ich es nicht tue, wer dann?"

Lams Darstellung ist nicht überprüfbar. Aber die Hongkonger scheinen ihr zu glauben. Sie ist nicht nur ein seltener Einblick in die Arbeit des chinesischen Sicherheitsapparats, sie bestätigt auch die Ängste einer Stadt, die um ihre einst von Peking versprochene Autonomie fürchtet. Die prodemokratische Abgeordnete Claudia Mo sagte am Freitag, die Formel "Ein Land, zwei Systeme" liege "komplett in Scherben". Lam Wing-kee hatte eine Botschaft für die Hongkonger: "Jeder kann der Nächste sein". Und eine für die Welt: "Hongkong wird sich roher Gewalt nicht beugen."

© SZ vom 18.06.2016
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