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Bundeswehr:Triezen in der Truppe

Auf mehr als 300 Seiten beschreibt eine Studie, wie die Bundeswehr schwule Soldaten über Jahrzehnte diskriminiert hat. Die Verteidigungsministerin bat die Betroffenen um Verzeihung. Doch damit ist es für die meisten nicht getan.

Von Mike Szymanski, Berlin

Die Bundeswehr stellt sich einem düsteren Kapitel ihrer Vergangenheit: dem systematisch diskriminierenden Umgang mit homosexuellen Soldaten zwischen 1955 und dem Jahr 2000. Am Donnerstag stellte das Verteidigungsministerium eine Studie vor, die auf mehr als 300 Seiten aufarbeitet, wie schwule Soldaten über Jahrzehnte als Sicherheitsrisiko betrachtet, wie sie teils unehrenhaft aus der Truppe entlassen wurden und Karrieren als Offiziere ein abruptes Ende nahmen. Unter dem Titel "Tabu und Toleranz" hat das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften ausgeleuchtet, auf welchen Grundlagen und Einschätzungen ein solches Vorgehen beruhte. "Die Praxis der Diskriminierung Homosexueller in der Bundeswehr, die für die Politik der damaligen Zeit stand, bedauere ich sehr", erklärte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). "Bei denen, die darunter zu leiden hatten, entschuldige ich mich."

Bis 1979 wurden Schwule konsequent ausgemustert

Wie viele Soldaten unter systematischer Diskriminierung litten, ist nicht eindeutig nachzuverfolgen. Die Zahlen, auf die Oberstleutnant Klaus Storkmann, Verfasser der Studie, Zugriff hatte, geben nur die Möglichkeit zur Annäherung. Homosexuelle Handlungen waren bis Ende der 1960er Jahre nach § 175 Strafgesetzbuch eine Straftat und wurden damit auch zum Fall für die Truppendienstgerichte. Diese konnten solche Handlungen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestrafen. Mitte der Sechzigerjahre wurden der Studie zufolge jährlich etwa 45 Soldaten verurteilt.

Bis 1979 wurden homosexuelle Männer konsequent ausgemustert. Später konnten schwule Soldaten zwar in den Streitkräften bleiben, wurden aber nicht mehr mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut. Bis vereinzelt in die Achtzigerjahre mussten schwule Soldaten noch psychologische Begutachtungen in Bundeswehrkrankenhäusern über sich ergehen lassen. Das Ministerium sprach Homosexuellen per Rundschreiben 1984 generell die Eignung zum Vorgesetzten und Ausbilder ab. Zeitzeugen berichten laut Studie "eindrücklich von dem hohen psychischen Druck, unter dem sie als homosexuell orientierte Soldaten dienten." Bei Sold und Pensionen mussten sie wegen fehlender Aufstiegschancen erhebliche Einbußen hinnehmen. Erst die Verfassungsbeschwerde eines 1998 von seinem Posten als Zugführer abgelösten späteren Oberleutnants änderte die Praxis. Im Juli 2000 strich die Bundeswehr jenen Erlass, der die systematische Diskriminierung ermöglicht hatte.

Der Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr, QueerBw, lobt die Aufklärungsarbeit. "Bislang hatte man sich nicht getraut, in die Vergangenheit zu blicken", sagte der QueerBw-Vorsitzende, Leutnant Sven Bäring, der Süddeutschen Zeitung. Dass sich die Ministerin des Projekts angenommen habe, sei wichtig: "Ein Bekenntnis der Führung ist ein Schritt in Richtung eines offenen Klimas." Nun warten die Soldaten darauf, dass ein Gesetz zur Rehabilitierung beschlossen wird, das bereits in Arbeit ist.

© SZ vom 18.09.2020

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