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Bremen:Gehet hin in Unfrieden

Olaf Latzel

Pastor Olaf Latzel soll Homosexuelle bei einem Eheseminar pauschal als „Verbrecher“ bezeichnet haben.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Eine evangelische Gemeinde steht fest zu ihrem wegen Volksverhetzung angeklagten Pastor.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Pastor Olaf Latzel hat seit gut einer Woche Urlaub. Das wäre zunächst keine Nachricht wert, allerdings ist Latzel nicht irgendein Pastor, sondern der umstrittenste der Hansestadt; und der sechswöchige Urlaub des Geistlichen kam nach intensiven Gesprächen mit der Bremischen Evangelischen Landeskirche (BEK) zustande. Die Kirchenführung hofft, den Bremer Pastor durch die lange Pause erst einmal aus dem Fokus nehmen zu können: Die Staatsanwaltschaft Bremen hat gegen Latzel Anfang Juli Anklage wegen Volksverhetzung erhoben.

Latzel, 52, ist Pastor der St.-Martini-Gemeinde Bremen. Bei einem Eheseminar im Oktober 2019 soll er, so die Staatsanwaltschaft, Homosexuelle pauschal als "Verbrecher" bezeichnet haben, Homosexualität generell als "Degenerationsform der Gesellschaft". Latzel selbst weist die Vorwürfe zurück. Er habe sich in dem Eheseminar, von dem ein Tonmitschnitt zeitweise auf Latzels Youtube-Kanal verfügbar war, nicht pauschal geäußert. Der Begriff "Verbrecher" habe sich vielmehr auf "militante Aggressoren" bezogen, "die uns als Gemeinde in den letzten Jahren immer wieder angegriffen und gotteslästerlich diffamiert haben". Latzel erwähnte in einer schriftlichen Stellungnahme noch vor der Anklage durch die Staatsanwaltschaft etwa ein "Kiss-in" von Homosexuellen während eines Gottesdienstes oder ein Graffiti mit dem Inhalt "God is gay" an der Kirche.

Die Staatsanwaltschaft Bremen hingegen vertritt die Auffassung, "einzelne Ausschnitte dieser Äußerungen" aus dem Eheseminar seien als volksverhetzend zu bewerten. Sie seien geeignet, den öffentlichen Frieden zu stören und stachelten zum "Hass" gegen Menschen auf, "die in Bezug auf ihre Geschlechtsidentität und/oder sexuelle Orientierung, von der angeblich allein richtigen zweigeschlechtlichen und heterosexuellen Norm abweichen". Außerdem sieht die Staatsanwaltschaft die Menschenwürde Homosexueller angegriffen. Latzel habe Menschen, die in ihrer Geschlechtsidentität von der "angeblichen Norm" abweichen, als "Genderdreck" und als "Angriff auf die göttliche Schöpfungsordnung" bezeichnet.

Der Bremer Pastor, über den der Spiegel schrieb, er schwinge als "bibeltreuer Fundamentalist das Schwert Gottes", ist bereits öfter durch radikale Ansichten aufgefallen. So wetterte er 2015 in einer Predigt gegen den Buddhismus und den Islam auf eine Weise, die bereits damals Anzeigen wegen Volksverhetzung nach sich zog. Damals sah die Staatsanwaltschaft die Aussagen aber durch die Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt und verneinte den Anfangsverdacht. 2008 verweigerte Latzel einer Pastorin, die in der St.-Martini-Kirche eine Trauerfeier halten sollte, den Zutritt auf die Kanzel und das Tragen des Talars.

Die St.-Martini-Gemeinde bekennt sich "zur ganzen unverfälschten Heiligen Schrift"

Latzel selbst ist derzeit nicht zu sprechen, "aufgrund des derzeitig gegen mich laufenden Disziplinarverfahrens seitens meines Arbeitgebers ist es mir nicht erlaubt mich öffentlich zu den Vorgängen zu äußern", schreibt er auf Anfrage in einer E-Mail, die mit Psalm 23,1 beginnt ("Der Herr ist mein Hirte") und mit Psalm 27 endet: "Der Herr Jesus segne und behüte Sie." Tatsächlich leitete die BEK Mitte Mai ein Disziplinarverfahren gegen den Pastor ein, das während der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ruhte.

Mit Anklageerhebung verständigten sich die Kirchenleitung und Latzel auf den langen Urlaub, während dieser Zeit sollen "alle denkbaren dienstrechtlichen Maßnahmen" ausgesetzt bleiben, heißt es. Bernd Kuschnerus, als Schriftführer der leitende Geistliche der BEK, sagte: "Dass Äußerungen eines Pastors Anlass zu einer Anklage wegen Volksverhetzung gegeben haben, erschüttert mich zutiefst." Eine Suspendierung wäre laut Bremischem Kirchenrecht nur möglich, wenn Latzel eine schwere Straftat nachgewiesen werden könnte - die nun im Raum steht.

Die St.-Martini-Gemeinde in der Bremer Altstadt bekennt sich laut Selbstdarstellung "in Lehre und Ordnung zur ganzen, unverfälschten Heiligen Schrift", dem "einzig wahren und unfehlbaren Gotteswort" - und zu Pastor Latzel, der dort seit 2007 wirkt. Die Gemeinde wolle "den auf Bibel und Bekenntnis gegründeten Weg in Lehre und Leben mit unserem Pastor Olaf Latzel fortsetzen". Auch im Internet sammeln sich eine Menge Unterstützer aus dem In- und Ausland für den bibeltreuen Bremer. Einer Petition für seinen Verbleib im Amt folgen mehr als 20 000 Menschen, eine Petition für seine Absetzung zählt rund 13 000 Sympathisanten.

© SZ vom 17.07.2020

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