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Bolivien:Noch mal gutgegangen

Anhänger von Luis Arce, dem wohl siegreichen bolivianischen Präsidentschaftskandidaten, feiern in La Paz. Im Exil in Buenos Aires freute sich Evo Morales.

(Foto: Juan Karita/AP)

Überraschend friedlicher Schlusspunkt eines explosiven Wahlprozesses: Boliviens Übergangspräsidentin gratuliert dem linken Kandidaten Luis Arce zum Wahlsieg. Im Exil freut sich einer: der geflohene Ex-Präsident Evo Morales.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es war schon weit nach Mitternacht, als sich in Bolivien endlich die Spannung zu lösen begann. Es gebe zwar noch keine offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahl, schrieb Boliviens konservative Übergangspräsidentin Jeanine Áñez auf Twitter. Die verfügbaren Daten würden aber auf einen Gewinner hindeuten: Luis Arce Catacora, Kandidat des Movimiento al Socialismo, kurz MAS, der Bewegung zum Sozialismus des früheren Präsidenten Evo Morales. Sie gratuliere den Gewinnern, schrieb Áñez, und sollte es dabei bleiben, wären diese Worte der überraschend friedliche Schlusspunkt eines der explosivsten Wahlprozesse, die es in Bolivien wohl seit Jahren gegeben hat.

Schon wochenlang war es im Vorfeld der Abstimmung immer wieder zu teils blutigen Zusammenstößen gekommen. Viele Menschen in dem Land im Herzen Südamerikas hatten sich mit Lebensmitteln und Treibstoff eingedeckt, um so vorzusorgen, falls Unruhen ausbrechen und Ausgangssperren verhängt würden.

Tatsächlich ist nur knapp ein Jahr vergangen, seit eine ähnliche Wahl das Land ins Chaos gestürzt hat. Damals, im Oktober 2019, hatten erste Hochrechnungen ebenfalls einen Sieg für die MAS-Partei und ihren Kandidaten vorausgesagt, den damaligen Präsidenten Evo Morales. Doch dann kam es zu Unregelmäßigkeiten bei der Bekanntgabe der Ergebnisse, Betrugsvorwürfe wurden laut. Es brachen Proteste aus, die sich schnell in blutige Straßenschlachten verwandelten, und als dann auch noch das Militär und Polizei meuterten, musste Evo Morales aus dem Land fliehen. Eine höchst umstrittene Übergangsregierung übernahm die Macht.

Laut Verfassung sollte sie innerhalb von 90 Tagen Neuwahlen organisieren. Übergangspräsidentin Jeanine Áñez schien zunächst aber zu großen Gefallen an der Macht gefunden zu haben, dann kam auch noch das Coronavirus, das Bolivien schwer traf.

Noch immer ist der Erreger in dem Land nicht unter Kontrolle, dennoch wurden die Bolivianer nun an die Urnen gerufen. Lange Schlangen bildeten sich vor den Wahllokalen, weil die Menschen Sicherheitsabstand halten mussten. Gleichzeitig patrouillierte ein massives Polizei- und Militäraufgebot in den Straßen. Bis die Wahllokale geschlossen hatten, verlief die Abstimmung weitgehend ruhig, von da an aber wurde die Situation immer angespannter, auch weil es zunächst keine Ergebnisse ergab.

Noch kurz vor der Abstimmung hatte die Oberste Wahlbehörde Boliviens bekannt gegeben, keine Schnellzählungen veröffentlichen zu wollen. Ein extra dafür entwickeltes Programm habe zu ungenaue Ergebnisse geliefert. Zwar gibt es eine Homepage, die den aktuellen Stand der Auszählung anzeigt. Um kurz vor Mitternacht waren hier aber erst drei Prozent der Stimmen ausgewertet worden.

Während die Menschen auf ein Ergebnis warteten, berichteten lokale Medien von ersten Auseinandersetzungen auf den Straßen. Im Netz wurde darüber spekuliert, ob Ergebnisse vor der Bevölkerung geheim gehalten werden sollten. Doch dann, um kurz nach Mitternacht, veröffentlichte das Fernsehen endlich eine erste private Hochrechnung. Fast 53 Prozent der Stimmen entfielen dabei auf den MAS-Kandidaten Luis Arce, nur rund 32 auf Carlos Mesa, den stärksten Gegenkandidaten. Kurz darauf bestätigte eine weitere, ebenfalls inoffizielle Hochrechnung dieses Ergebnis, und schließlich wandte sich auch noch Übergangspräsidentin Áñez an Arce und gratulierte zum Sieg.

Boliviens neuem Präsidenten steht eine schwere Aufgabe bevor. Luis Arce ist ausgebildeter Ökonom, unter der Präsidentschaft von Evo Morales war er lange Wirtschaftsminister. Das Andenland erlebte in dieser Zeit einen erstaunlichen Wirtschaftsaufschwung, befeuert durch Einnahmen aus den zuvor verstaatlichten Rohstoffvorkommen, gleichzeitig aber auch durch den Konsum von einer dank Sozialprogrammen neu entstandenen Mittelschicht.

Spätestens die Corona-Pandemie aber hat viele Bolivianer wieder in die Armut zurückfallen lassen. Sie hoffen nun darauf, dass Arce das Land zurückführt auf Erfolgskurs. Leicht wird das nicht, die Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf sinken. Darüber hinaus muss Arce nicht nur die Lücken im Haushalt schließen, sondern auch in der Gesellschaft. Vor allem im reichen Tiefland ist der Hass auf Morales und die MAS-Partei groß. Zu sehr hatte sich die Partei in Korruptionsaffären verstrickt. Zu groß war der Personenkult um Ex-Präsident Evo Morales geworden.

Arce muss nun seinen Kritikern beweisen, dass seine Regierung nicht nur einfach eine Marionette des Ex-Präsidenten ist, der im Nachbarland Argentinien im Exil lebt. Nach der Bekanntgabe der inoffiziellen Ergebnisse sagte Boliviens neuer Präsident, er wolle den Prozess des Wandels ohne Hass weiter fortführen und aus vergangenen Fehler lernen.

© SZ
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