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Bistum Münster:Schrecken im Geheimarchiv

200 Priestern und Diakonen wird sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen, eine unabhängige Untersuchung erhebt auch schwere Vorwürfe gegen drei Bischöfe.

Von Annette Zoch, München

Im Schnitt elf Jahre alt waren die Kinder beim ersten Übergriff. Insgesamt wurden 300 Menschen im Bistum Münster Opfer sexueller Gewalt. Etwa 200 Priester und Diakone gelten als Beschuldigte. So lautet ein erstes Zwischenergebnis einer unabhängigen Untersuchung zu sexuellem Missbrauch im Bistum Münster.

Ein Team aus vier Historikern und einer Ethnologin der Westfälischen Wilhelms-Universität untersucht seit 1. Oktober 2019 die Akten und Geheimarchive des Bistums, spricht mit Betroffenen, Beschuldigten, Zeitzeugen. Die Fälle von 89 Betroffenen wurden intensiv ausgewertet. Noch ist die Untersuchung nicht fertig, im Frühjahr 2022 soll sie veröffentlicht werden. Das öffentliche Interesse aber ist so groß, dass sich das Forscherteam nun nach einem Jahr zu einer Zwischenbilanz entschloss.

"Intensives Leitungs- und Kontrollversagen"

Und diese fällt - ähnlich wie in anderen Bistümern - verheerend aus für die Kirchenverantwortlichen. Den Bischöfen Joseph Höffner (Amtszeit: 1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) bescheinigten die Studienautoren ein "intensives Leitungs- und Kontrollversagen". Die Bischöfe und ihre Generalvikare hätten Priester in erster Linie als Mitbrüder gesehen, denen ihre Sünden zu vergeben seien, sagt Historiker Bernhard Frings.

Zahlreiche Taten seien auf Intensiv- und Langzeittäter zurückzuführen, die bis zu 25 Jahre lang Minderjährige missbraucht hätten. Die Bistumsleitung habe von vielen Taten gewusst und nach dem Modell des "schweigenden Arrangements" verfahren. Sie habe Täter zum Beispiel von kirchennahen, wohlgesonnenen Psychiatern begutachten lassen, vorübergehend in Kuren geschickt und dann wieder in der Seelsorge eingesetzt.

"Spezifische katholische Schamkultur"

Anders als in den Bistümern Aachen, Köln oder München untersuchten diesmal nicht Rechtsanwälte, sondern Zeithistoriker die Akten. Bei den näher untersuchten Fällen zeigt sich eine zeitliche Häufung in den 60er und 70er Jahren - in den Jahrzehnten der so genannten sexuellen Revolution. Papst Benedikt XVI. hatte diese einmal als Ursache für Missbrauchstaten in der katholischen Kirche genannt. "So einfach ist es aber nicht", sagt Historiker Klaus Große Kracht. Der gesellschaftliche Wertewandel habe die Kirche unvorbereitet getroffen, sie habe darauf keine Antwort gegeben. Stattdessen habe sich "eine spezifische katholische Schamkultur" entwickelt. Sie habe das Reden über sexualisierte Gewalt verhindert, es habe sich eine "Grenze des Sagbaren" entwickelt, sagt Ethnologin Nathalie Powroznik.

Betroffene berichteten, dass sie sich niemandem anvertrauen konnten - aus Sorge, dass ihnen nicht geglaubt wird und dass ihre Familien bei der Kirche in Ungnade fallen könnten. Die meisten begannen, erst nach 2010 zu sprechen.

Namen sollen genannt werden

Die Kirche fand auch ein gesellschaftliches Umfeld vor, in dem sie so handeln konnte: In den 50er und 60er Jahren habe die Institution noch über ein hohes moralisches Kapital verfügt, auch eine "gewisse Elitenverschmelzung" habe es gegeben. In mindestens einem Fall habe zum Beispiel ein Staatsanwalt mit dem Generalvikar telefoniert und dann auf Strafverfolgung verzichtet, sagt Klaus Große Kracht.

In der fertigen Studie werde man von noch lebenden verantwortlichen Personen der relativen Zeitgeschichte Namen nennen und ihre Stellungnahmen einholen, sagte Studienleiter Thomas Großbölting und verweist auf das Vorbild der Untersuchung der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl für das Bistum Aachen. Die Münchner Kanzlei hatte auch eine Untersuchung für das Erzbistum Köln erstellt.

Dieses muss aber auf Weisung von Kardinal Rainer Maria Woelki unter Verschluss bleiben; Woelki verweist auf methodische Mängel und Persönlichkeitsrechte. Für Thomas Großbölting ist das kein Argument: "Wer Gerichtsfestigkeit verlangt, der verhindert jede Aufklärung." Sollte es zu juristischen Auseinandersetzungen kommen, müsse ein Bistum auch mal Geld für einen Rechtsstreit in die Hand nehmen. "Hier wünsche ich mir mehr Mut von den Bischöfen."

© SZ/Hohmann
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