Best of Piratenpartei:Von Popcorn, Rücktritten und Piratensprech

Lesezeit: 7 min

2. Nächtliche Popcorn-Schlachten

Ich gehe für gewöhnlich früh ins Bett. Das liegt in der Natur meines Jobs, der Arbeitstag eines Online-Journalisten beginnt oft genug um sechs oder sieben Uhr - die Leute wollen ja beim morgendlichen Griff zum Smartphone frische Nachrichten lesen. Das verträgt sich eigentlich nicht besonders gut mit der Tätigkeit des Piratenberichterstatters, denn Piraten sind äußerst nachtaktive Wesen.

Bundesparteitag Piratenpartei in Neumarkt

"Bitte kein Tumult" hieß es auf dem Bundesparteitag der Piraten in Neumarkt im Mai 2013 nicht ohne Grund.

(Foto: dpa)

Genauer: Sie gehen sich mit Vorliebe bei Mondschein gegenseitig an die Gurgel - in Chatprogrammen, auf Mailinglisten, aber hauptsächlich für alle sichtbar auf Twitter. Hin und wieder musste mich da schon mein daueraktiver Berliner Kollege Thorsten Denkler gegen Mitternacht aus dem Bett klingeln: "Hast du schon gesehen, auf Twitter ...? Der Ponader und der Schlömer ...?"

Das hieß dann immer: Licht an, Brille auf, tschüss Nachtruhe. Da keifte Vorstand gegen Vorstand, Basis gegen Chefs oder einfach jeder gegen jeden. Die Texte zu den nächtlichen Schlachten schrieben sich wie von selbst. Meistens stand irgendwas mit "Krise", "Chaos" oder "Krach" in der Zeile, auch der Inhalt war häufig ähnlich. Irgendjemand warf irgendjemand anderem vor, für das schlechte Image der Partei verantwortlich zu sein. Oft ging es um mangelnde Kommunikation, Mobbing, medienwirksame Alleingänge oder verbale Ausfälle aus den Sparten "Rechtes Gedankengut, Sexismus und Co".

Bald gab es ein eigenes Blog, das sich mit den kleinen und großen Aussetzern der Partei beschäftigte: Popcornpiraten.de. Was die Streitereien der Piraten mit Popcorn zu tun haben? Blog-Betreiber Caspar Clemens Mierau erklärte das in der taz so: "Ein Streit verläuft so grotesk, dass man sich am liebsten wie im Kino dazusetzen und Popcorn essen würde." Inzwischen hat er die "Popcornpiraten" eingestellt, zum großen Bedauern vieler treuer Leser und schreibt über die dort protokollierten Geschichten: "Langsam bin ich es selbst müde, sie zu lesen." Das sagt vielleicht mehr über den Zustand der Partei als jede Wahlanalyse.

3. Es ist ... ein Rücktritt!

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass zahlreiche Piraten ziemlich schnell keine Lust mehr hatten, ihr Gesicht für die Partei in die Scheinwerfer zu halten. Dazu kam noch, dass die Piraten ihre Chefs, die derart unter Dauerbeschuss standen, nicht für ihre Arbeit bezahlen. Ehrenamtlich eine Partei mit 30.000 ebenso selbstbewussten wie widerspenstigen Mitgliedern zu managen, das wurde den meisten von ihnen irgendwann zu viel. Und nicht wenige manövrierten sich mit fragwürdigen Aktionen und Aussagen selbst ins Aus.

Da traten Pressesprecher zurück, die von Parteifreunden mit Lan-Kabeln geschlagen wurden, da sprachen erschöpfte Vorstandsmitglieder von einem Piraten-Burnout, da philosophierte ein Berliner Landeschef darüber, dass nicht die verkappten Nazis in der Partei das Problem seien, sondern diejenigen, die sie hinauswerfen wollen.

Johannes Ponader, Piratenpartei

Unvergessen ist der monatelange Knatsch um den politischen Geschäftsführer Johannes Ponader.

(Foto: dpa)

Unvergessen ist der monatelange Streit zwischen Piratenchef Bernd Schlömer und seinem Sandalen tragenden politischen Geschäftsführer Johannes Ponader, der mit dem Rücktritt des exzentrischen Künstlers endete. Zuletzt hat Schlömer selbst die Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden seiner Partei bei der Bundestagswahl gezogen. Er wird auf dem Bundesparteitag in Bremen nicht mehr kandidieren. Ebenso Ponader-Nachfolgerin Katharina Nocun - sie könne sich die unbezahlte Vorstandsarbeit schlicht nicht mehr leisten, sagte sie der taz.

Was also für den Feuilletonisten der Nachruf ist, ist für den Piratenberichterstatter die Rücktrittsmeldung samt Kommentierung. Ein oberflächlicher Blick ins Archiv ergibt: 22 mehr oder weniger prominente Piraten haben in den vergangenen zwei Jahren ihr Amt aufgegeben - oder wurden von ihrer Partei unsanft hinauskatapultiert.

4. Deutsch - Pirat / Pirat - Deutsch

Popcorn, Shitstorm, Gate, Flausch, Fail: Die zwei Jahre Piratenberichterstattung haben meinen Wortschatz enorm erweitert. Höre ich "Grillen", dann denke ich nicht mehr an laue Sommerabende, sondern an die Befragung von Kandidaten auf Parteitagen. Und auch das Wort "Troll" hat inzwischen für mich eine Bedeutung, die mit "Herr der Ringe" und Co. nicht mehr viel zu tun hat. Ein kleines Piraten-ABC haben junge Journalisten der Henri-Nannen-Schule hier zusammengestellt.

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