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Berlin:Nagende Probleme

Biber fühlen sich in Berlin wohl. Manchem geht das zu weit.

Von Jan Heidtmann

Es kommt vermutlich eher selten vor, dass ein Biber zum Fall für die Staatsanwaltschaft wird. Doch die Umstände, die zum Tod des Nagers im vergangenen Sommer im Wuhletal, einem Grüngebiet im Berliner Osten, führten, waren auch besonders gruselig. Dem Obduktionsbericht zufolge handelte es sich bei dem Opfer um ein immerhin 27 Kilo schweres Weibchen "in gutem Ernährungszustand". Fundort und Umstände ließen nur den Schluss zu, das Tier sei erschlagen worden: "Der Tod trat durch eine vollständige Fraktur der Wirbelsäule zwischen 1. und 2. Brustwirbel ein." Nachdem das Landeskriminalamt Berlin seine Ermittlungen beendet hat, liegt der Fall nun bei den Justizbehörden. Täter unbekannt.

"Ich hoffe trotzdem sehr, dass die Ermittlungen Erfolg haben", sagt June Tomiak. "Das war pure Gewalt, das hat viele Menschen schockiert." Die Parlamentarierin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sorgt sich seit einiger Zeit auch um die Fauna und Flora der Hauptstadt. "Wir sind eine sehr grüne Stadt, aber wir müssen auch lernen, mit den Tieren hier umzugehen."

Tatsächlich ist Berlin wie auch andere deutsche Großstädte zu einem Biotop ganz eigener Art geworden. Sturmmöwen haben sich auf dem Dach des Kanzleramtes eingerichtet, im Tiergarten breitet sich der amerikanische Sumpfkrebs aus, Füchse streifen durch die Nacht. Kürzlich hat offenbar sogar der erste Wolf die Stadt passiert. 20 000 Tier- und Pflanzenarten gibt es in Berlin, Jahr für Jahr kommen bis zu acht neue dazu. Doch wenn Wildschweine den Vorgarten umpflügen oder Biber den Apfelbaum fällen, macht das offenbar so manchen Städter rasend.

Auf einem Friedhof im Berliner Bezirk Wedding wurden jedenfalls seit 2016 zehn Bussarde und Habichte gezielt getötet. Solche Taten sind keine Kavaliersdelikte, nach dem Bundesnaturschutzgesetz drohen bis drei Jahre Haft, wenn ein wild lebendes und geschütztes Tier mutwillig getötet wird. Seit 2015 hat die Berliner Polizei in sechs Fällen illegal getöteter Wildtiere ermittelt, wie aus der Antwort auf eine schriftliche Anfrage der Abgeordneten Tomiak hervorgeht. Doch da viele solcher Taten zum Beispiel mithilfe vergifteter Vogelköder bei Nacht und Nebel verübt werden, sind die polizeilichen Untersuchungen kaum erfolgreich.

Dass der Fall der Biberin aus dem Wuhletal so viel Aufmerksamkeit bekommt, hat mit einer Besonderheit der Tiere zu tun. Anders als viele andere zugewanderte Arten in der Stadt werden die Nagetiere seit 1994 gezielt gefördert. Bis dahin galten sie in der Region als nahezu ausgestorben, inzwischen haben sie sich vom Tegeler See bis zum Teltowkanal über ganz Berlin ausgebreitet. Rund 60 Bauten, sogenannte Biberburgen, mit geschätzt 120 Tieren gibt es in der Stadt mittlerweile wieder.

Ein recht prächtiger Biber wurde kürzlich gar in der Nähe der Museumsinsel von der Polizei gesichtet, als er gerade an einem Stamm nagte. "Dem Dicken geht's dort gut", twitterten die Beamten. Dass sich die Nager in Berlin so wohlfühlen, macht die Tat vom Wuhletal umso sinnloser: Naturschützer gehen davon aus, dass dort längst wieder ein Nachfolge-Biber lebt.

© SZ
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