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Berlin:Die Akte des jungen Holm

Ein Linken-Politiker soll Staatssekretär in Berlin werden, doch es werden Stasi-Vorwürfe laut.

Andrej Holm war 14 Jahre alt, als er eine sogenannte Bereitschaftserklärung beim Ministerium für Staatssicherheit MfS unterschrieb, gemeinsam mit seinen Eltern. Der Vater war Stasi-Offizier. Darin erklärte der junge Berliner seine Bereitschaft, später für das MfS, also die Stasi, als Berufsoffizier "Dienst zu leisten". Das war vor mehr als dreißig Jahren. Im Sommer 1989, vier Jahre später, wurde der junge Holm Offiziersschüler beim Wachregiment der Stasi "Feliks Dzierzynski". Diese Geschichte ist seit einigen Jahren öffentlich bekannt. Aber nun soll der heute 46 Jahre alte Soziologe für die Linkspartei Staatssekretär im Berliner Senat werden, und es gibt heftige Kritik.

Die Opposition empört sich, von einer Stasi-Affäre im rot-rot-grünen Berliner Senat ist die Rede. CDU-Fraktionschef Florian Graf spricht in einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) von einem "Affront gegenüber den Berlinerinnen und Berlinern". Graf nennt die Berufung einen Tabubruch.

31 Seiten umfasst die Akte, die bisher aus der Stasi-Unterlagenbehörde zu Andrej Holm bekannt ist. Seit diesem Montag kann jeder den Vorgang auch quasi öffentlich einsehen. Das Boulevardblatt BZ hat sie online veröffentlicht. Man erfährt, dass Holm seinen Grundwehrdienst beim Wachregiment machte und seine Laufbahn als hauptamtlicher Mitarbeiter beginnen sollte. Es steht auch darin, dass der Vater als Stasi-Berufsoffizier Holm "positiv beeinflusste". Es war nicht ungewöhnlich, dass die klandestine Stasi ihren Nachwuchs aus den eigenen Reihen rekrutierte.

Weitere Erkenntnisse enthalten die Akten nicht. Es gibt keinerlei Berichte über Spitzeleien des Berliners, der 19 war, als die DDR zusammenbrach. Holm hat die Geschichte nicht verschwiegen, er redet sie nicht schön. "Ich bin einer, der wirklich extrem erleichtert war, dass die DDR zusammengebrochen ist", sagte er jetzt auf einem Linken-Parteitag. Dass damals schnell das Ministerium für Staatssicherheit aufgelöst worden sei, habe ihn aus einem Dilemma entlassen. Er habe seinerzeit schon innere Distanz empfunden, aber nicht den Mut gehabt, sich zu bekennen. Er sei froh gewesen, fortan die Möglichkeiten der Freiheit genießen können.

Holm studierte Sozialwissenschaften, promovierte 2005 an der Humboldt-Universität über Stadtsanierung. Er lehrt Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität. Auch in seiner Vita sehen Kritiker keine Empfehlung zum Baustaatssekretär: 2007 saß der linke Soziologe kurze Zeit in Untersuchungshaft, wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung - unschuldig. Das Verfahren wurde eingestellt. Daran erinnert die CDU und nennt Holm wegen seiner "linksextremistischen Einstellung" ungeeignet, ein Staatsamt zu übernehmen.

Die Linken-Bausenatorin Astrid Lompscher will Holm als "ausgewiesenen Experten für Wohnungspolitik" berufen. Er sei "wie wir alle ein Kind seiner Eltern, seiner Zeit", sagt sei zu den Stasi-Vorwürfen. SPD und Grüne tragen die Entscheidung mit. Holm bedankte sich am Montag per Twitter, dass die BZ seine Akte "schnell und vollständig" veröffentlicht hatte. Er schrieb: "Nicht schön, aber eine Biografie kann nicht abgelegt werden."

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