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Bericht zu Massaker in Nordirland:Entschuldigung für den "Bloody Sunday"

Vor 38 Jahren haben britische Soldaten in Nordirland 13 Menschen erschossen. Aufgrund eines neuen Berichts hat sich der britische Premier jetzt für das Massaker am "Bloody Sunday" entschuldigt.

Wolfgang Koydl

Zwölf Jahre dauerte die Untersuchung, und ihre Arbeit verschlang knapp 200 Millionen Pfund. Doch das Ergebnis, zu dem der Saville-Ausschuss über den "Bloody Sunday", den Blutsonntag von Londonderry kam, hätte deutlicher und unzweideutiger nicht ausfallen können: Es waren Soldaten der britischen Armee, die am 30. Januar 1972 in dieser nordirischen Stadt den ersten Schuss abfeuerten, und sie waren von Demonstranten weder bedroht noch gefährdet gewesen. Dreizehn Menschen waren an jenem Tag erschossen worden, 14 weitere wurden verletzt. Sie alle waren unbewaffnete Zivilisten.

Auseinandersetzung bei Demonstration

13 Zivilisten wurden am Blutsonntag in Londonderry erschossen.

(Foto: ag.ap)

Der britische Premier David Cameron, der den 5000 Seiten starken Bericht am Dienstag im Unterhaus in London vorstellte, entschuldigte sich ausdrücklich im Namen der Regierung und des ganzen Landes für die Bluttat. Der Befehl für den Einsatz der Truppe hätte "nie erteilt werden" sollen, zitierte er aus dem Untersuchungsbericht. Die Soldaten hätten keine Warnungen vor dem Schusswaffeneinsatz abgegeben und stattdessen jegliche "Selbstkontrolle verloren". Einige Angehörige des 1. Fallschirmjägerbataillons hätten ihr Training und ihre Ausbildung "entweder vergessen oder ignoriert". Einige von ihnen hätten im Anschluss an das Blutbad bewusst falsche Angaben gemacht.

Er sei "zutiefst patriotisch", hatte Cameron zu Beginn seiner vor allem in Nordirland mit Spannung erwarteten Erklärung betont, und er wolle "nichts Schlechtes glauben, das über unser Land berichtet" werde. "Aber die Schlussfolgerungen des Berichtes sind klar und sie lassen keinen Zweifel und keine Doppeldeutigkeiten zu", sagte er. Das Vorgehen der Soldaten "ungerechtfertigt und durch nichts zu rechtfertigen" gewesen.

Der Bericht des Lordrichters Lord Saville of Newdigate bestätigt im wesentlichen die Erinnerungen der katholischen Augenzeugen jenes Tages. Im einzelnen hielt der Report fest, dass keines der Opfer bewaffnet gewesen sei. Ein Mann sei getötet worden, als er verletzt auf allen Vieren davon zu kriechen suchte; ein anderer wurde erschossen, als er bereits tödlich verletzt auf der Straße lag. Ein Vater sei erschossen worden, als er seinem verletzten Sohn zu Hilfe eilen wollte.

Eine mehrere tausend Menschen zählende Menschenmenge hatte vor dem Rathaus von Londonderry die Ansprache des Premierministers auf großen Bildschirmen verfolgt und mit frenetischem Jubel begrüsst. Hintereinander traten Familienmitglieder der Getöteten ans Mikrofon und äußerten ihre tiefe Befriedigung über das Ergebnis der Untersuchung. Seit Jahrzehnten hatten sie sich gegen den Vorwurf gewendet, dass ihre Angehörigen die Soldaten attackiert und deshalb gleichsam als Terroristen getötet worden seien. Der Bericht hat nun eindeutig ihre Unschuld festgestellt.

Die Menschen waren auf demselben Weg zur Guildhall gezogen, den vor 38Jahren ein friedlicher Bürgerrechtsmarsch nehmen wollte. Als die Demonstranten damals sich weigerten, den Marsch zu beenden, hatte die Armee wahllos das Feuer eröffnet. Ein erster Untersuchungsbericht des damaligen Obersten Richters Lord Widgery über die Vorgänge, der unmittelbar nach dem "Bloody Sunday" in Auftrag gegeben worden war, hatte "keinen Zusammenbruch der Disziplin" innerhalb der Truppe erkannt. Der Report unterstellte vielmehr, dass aus der Menge heraus von Mitgliedern der IRA und anderen katholischen Aktivisten auf die Soldaten geschossen worden sein könnte. Den britischen Fallschirmjägern legte dieser Bericht lediglich zur Last, dass ihr Verhalten mitunter "an Rücksichtslosigkeit gegrenzt" haben könnte.

Unklar ist, ob auf Grundlage des Berichtes nun strafrechtliche Konsequenzen für einige der an dem Blutbad beteiligten Soldaten denkbar sind. Cameron ging in seiner Stellungnahme nur am Rande auf diese Möglichkeit ein. Die Frage, ob es sich um "Mord und ungesetzliche Tötungen" gehandelt habe, könne nicht von Politikern entschieden werden. Beobachter werteten dies als Hinweis darauf, dass die Regierung Klagen gegen einzelne Soldaten nicht ausschließt.

Die Untersuchung war 1998 von dem damaligen Premierminister Tony Blair angeordnet worden. Seinerzeit galt dies als Zugeständnis an die Katholiken in der Unruheprovinz, mit welchem London den gerade begonnenen Friedensprozess für Nordirland vorantreiben wollte.

© SZ vom 16.06.2010

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