Bericht des Wehrbeauftragten:Die Methoden widerborstige Untergebene zu maßregeln, waren kreativer - und brutaler

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Die Methoden, widerborstige Untergebene zu maßregeln, waren kreativer, aber immer wieder auch weit jenseits des Zulässigen. So ließen mehrere Vorgesetzte Ende der Sechzigerjahre minderjährige Soldaten in geschlossene Nervenheilanstalten bringen. Anlass war unter anderem eine Befehlsverweigerung. Der Wehrbeauftragte erkundigte sich daraufhin bei einem behandelnden Arzt - und erfuhr, aus der Bundeswehr würden häufig Soldaten eingewiesen, ohne dass "aus psychiatrischer Sicht die Voraussetzungen" vorlägen.

Beginnend mit den Sechzigerjahren machte auch die Politisierung vor der Bundeswehr nicht Halt. Während sich die Anzahl der Kriegsdienstverweigerer von 1967 bis 1970 verdreifachte, nahmen mehr und mehr Soldaten eine kritische Haltung gegenüber jener Gesellschaftsordnung ein, der sie dienen sollten. So nahmen 1971 mehrere Soldaten an antimilitärischen Veranstaltungen der DKP teil. In Uniform.

Sexuelle Übergriffe und mangelnde Akzeptanz von Frauen

Über die Jahre nahmen vor allem Gewalttaten ab, stattdessen rückten andere Themen in den Vordergrund - was noch einmal besonders gilt, seitdem auch Frauen an der Waffe dienen. Tauchte Anfang der Neunzigerjahre, also nach dem Ende des Kalten Kriegs, noch die Frage nach Sinn und Unsinn der Wehrpflicht in den Berichten des Wehrbeauftragten auf, gab es in den Jahren von 2000 an zahlreiche Beispiele für sexuelle Übergriffe und die mangelnde Akzeptanz von Frauen in der Truppe. Erst in der vergangenen Woche konnte man in einer vom Verteidigungsministerium präsentierten Studie nachlesen, dass hier nach wie vor einiges zu tun ist.

Etwa von 2010 an dominiert dann ein Thema, das die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bereits zur Priorität erklärt hat: die Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Im neusten Bericht betreffen etwa zehn Prozent aller Eingaben dieses Thema (während es beim Themenkomplex Menschenführung/Soldatische Ordnung noch immer 17 Prozent sind). Insofern ist die Bundeswehr das Spiegelbild einer Gesellschaft, in der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen immer höheren Stellenwert bekommt.

Hinzu kommen seit einigen Jahren Berichte über Überlastungen durch Einsätze. Die Bundeswehrreform hat die Unzufriedenheit zudem deutlich erhöht. Insgesamt festhalten lässt sich, dass die Beschwerden heute weniger als früher marodierende Vorgesetzte betreffen und häufiger Härten, die der Dienst etwa für das soziale Leben mit sich bringt - sei es durch häufige Einsätze oder durch allzu häufige Versetzungen im Inland, die für viele Soldaten zur Folge haben, dass sie ihre Familie nur noch am Wochenende sehen.

Beschimpfungen wie "Schwuchtel"

Ansonsten bleibt die Bundeswehr die Bundeswehr, auch heute noch kommt es zu krassen Vorfällen. So findet sich im neusten Bericht der Fall eines Bataillonskommandeurs, der Soldaten als "Schwuchteln" bezeichnet und einem Untergebenen mit italienischen Wurzeln mitgeteilt habe, dieser sei kein "Arier" und nicht würdig, die Uniform zu tragen.

Ganz neu ist selbst das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Dienst nicht. So wies der Wehrbeauftragte schon 1960 auf Klagen von Soldatenehefrauen hin. Damals waren die Kasernierungsregeln deutlich strikter, viele verheiratete Soldaten mussten auf eine dienstliche Unterkunft für sich und ihre Familie warten und bis dahin mit mehreren Kameraden auf einer Stube leben. Die Wartezeit für Frischverheiratete? Bis zu zweieinhalb Jahre.

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