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Michaela Kaniber:Die Bauernflüsterin

Traditionelle Ernte-Pressefahrt

Auf Flirtkurs: Agrarministerin Michaela Kaniber (links) und der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, Walter Heidl.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die bayerische Agrarministerin buhlt um die Gunst der Bauern - von der könnte ihre weitere politische Karriere abhängen.

Die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ist das, was sie in der CSU eine "politische Nahkampfwaffe" nennen. Was damit gemeint ist, kann man im Internet auf den Filmchen von der großen Bauerndemonstration unlängst in München sehen. 2000 Landwirte haben lautstark gegen schärfere Vorgaben im Umwelt- und Tierschutz protestiert, gegen die aus ihrer Sicht überbordende Bürokratie, gegen Dumpingpreise für ihre Produkte und anderes mehr. Vorne in der Menschenmenge, vor dem Lastwagenanhänger, der als Podium diente, erkennt man Kaniber, wie sie, die Redner fest im Blick, dem geballten Frust der Bauern zuhört.

Dann klettert Kaniber auf den Anhänger. "Es ist mir eine Ehre, heute hier zu sein", hebt sie an. In den folgenden 20 Minuten dankt Kaniber den Bauern - für die Lebensmittel, die sie produzieren, und ihre Bemühungen um die Kulturlandschaft. Sie gesteht ein, dass auch sie keine schnellen Lösungen für die Konflikte um die Landwirtschaft parat hat. Und sie wirbt für "neue Brücken", vor allem zwischen Stadt und Land. Anfangs hallen Pfiffe über den Platz. Dann klatschen die Ersten. Am Schluss hat Kaniber die Demonstranten auf ihrer Seite.

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Seit eineinhalb Jahren ist Kaniber Agrarministerin. Auf allen Kundgebungen, bei jedem Auftritt im Bierzelt und bei den schier unzähligen Hofbesuchen, die sie absolviert, will sie den Bauern vor allem das Gefühl geben, dass sie in ihr eine starke Verbündete haben. Die Zustimmung der Bauern ist sehr wichtig in der bayerischen Politik. Mit 100 000 Höfen und vier Milliarden Euro Bruttowertschöpfung im Jahr 2017 in der Landwirtschaft ist der Freistaat Agrarland Nummer eins in Deutschland. Zwar arbeiten nur 1,8 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft, seit 2008 haben 18 000 Bauern aufgegeben. Aber nach wie vor steht jeder dritte Hof Deutschlands in Bayern. Und die Landwirtschaft hier ist immer noch sehr vielfältig. Kleinstbetriebe mit acht oder neun Kühen im Stall existieren neben sogenannten Zukunftsbauern, die 200, 300 oder noch mehr Kühe halten.

Kaniber, 42, ist keine Bäuerin. Aber sie kommt vom Land, ihr bayerisches, direktes, unverblümtes Naturell ist ihr gleichsam angeboren. Daheim ist sie in Bayerisch Gmain, einem 3000-Einwohner-Ort im Südosten Bayerns. Ihre Eltern sind aus Kroatien zugewandert, sie führten viele Jahre einen Gasthof. Kaniber ist gelernte Steuerfachangestellte, mit ihrem Mann, einem Polizeibeamten, hat sie drei Töchter. Zur Politik ist sie vor gut 17 Jahren gekommen - "durch den Streit um die richtige Kinderbetreuung", wie sie sagt. Dann hat sie eine klassische CSU-Karriere durchlaufen: erst Gemeinderat und Kreistag, von 2013 an Landtag, seit März 2018 Agrarministerin - obwohl sie bis dahin mit Agrarpolitik nichts zu tun hatte.

Von Vielen wurde Kaniber zunächst unterschätzt

Dafür ist Kaniber eine Vertraute von Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder. Als die Partei bei der Bundestagswahl 2017 historisch schlechte 38,7 Prozent einfuhr, zählte sie zu den Ersten in der CSU, die den damaligen Ministerpräsidenten und Parteichef Horst Seehofer dafür verantwortlich machten und einen Neuanfang mit Söder forderten. Lästerer nannten ihre Berufung zur Agrarministerin deshalb Söders Lohn für ihre frühe Attacke gegen Seehofer. Im Bauernverband dachte man, leichtes Spiel mit der fachlich unerfahrenen Ministerin zu haben.

Die Lästerer in der CSU und die Bauernfunktionäre haben Kaniber unterschätzt. In der Partei wird sie bereits für weitere Aufgaben gehandelt. Auch deshalb ist es wichtig für sie, sich die Achtung der Landwirte zu erhalten. Wie hoch die derzeit ist, zeigt sich auch daran, dass die Bauern sie in München überhaupt haben reden lassen. Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl und Vertreter anderer Organisationen durften das nicht. Zur Begründung hieß es, die Demo solle eine Veranstaltung der Bauern, nicht der Funktionäre sein.