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Barack Obama:So blaue Augen

Former President Obama Holds Rally For Joe Biden On Eve Of Election In Miami

"Jedenfalls fiel es mir schwer, ihn allzu ernst zu nehmen." Über seinen Nachfolger Trump verliert Obama kein gutes Wort.

(Foto: JOE RAEDLE/AFP)

Auf den ersten 1000 Seiten seiner Erinnerungen spricht der frühere US-Präsident erstaunlich offen über seine Begegnungen mit dem globalen Führungspersonal. Kanzlerin Merkel kommt darin gut weg, sein eigener Nachfolger ganz schlecht. Besonders lobende Worte aber findet Obama für seinen früheren Vize, der nun Präsident wird.

Von Reymer Klüver, München

Sensationelle Enthüllungen großer Staatsgeheimnisse in Politiker-Memoiren zu erwarten, das dürfte einigermaßen unrealistisch sein. Auch Barack Obamas am Dienstag veröffentlichte Erinnerungen an seine Präsidentenzeit ("Ein verheißenes Land") machen da keine Ausnahme. Aber in einer Hinsicht offenbart Obama doch erstaunlich viel. Und damit sind nicht solche Geständnisse gemeint wie etwa, dass er gerne mal Kaugummipapier in die Ritzen der Polstergarnitur im Oval Office stopfte. Oder dass der Code seiner Secret-Service-Agenten "Renegade auf dem Weg zum Secondary Hold" schlicht bedeutete: Er war auf dem Weg zur Toilette.

Nein, auf den ersten 1000 Seiten seiner Erinnerungen (ein zweiter Band soll folgen) spricht Obama erstaunlich offen über seine Begegnungen mit dem globalen Führungspersonal - und hält knapp vier Jahre nach seinem Auszug aus dem Weißen Haus mit einer Einschätzung der Politprominenz nicht hinter dem Berg.

Vor allem die Bundeskanzlerin kommt gut weg. Wobei das fast noch untertrieben ist. "Je besser ich Angela Merkel kennengelernt hatte, desto sympathischer war sie mir geworden", schreibt Obama und setzt zu einem Lob an, wie er es sonst für keinen seiner ausländischen Partner findet: "Ich empfand sie als zuverlässig, ehrlich, intellektuell präzise und auf eine natürliche Art freundlich." Ihm gefallen "ihre stoische Art" und "ihr nüchtern-analytisches Bewusstsein".

Kurz streift er ihre anfangs reservierte Haltung ihm gegenüber, die Obama nicht entgangen ist. "Ich nahm ihr das nicht übel", konstatiert er mit leicht gönnerhaftem Unterton und spielt auf seinen Auftritt an im Sommer 2008 vor 200 000 jubelnden Menschen an der Berliner Siegessäule. "Ich dachte mir, bei einer deutschen Regierungschefin war eine Abneigung gegen mögliche Demagogie vermutlich eine gesunde Einstellung." Eine professoral Obama-hafte Begründung.

Von der Kanzlerin ist bekannt, dass sie ihre Gefühle und Gedanken mitunter nicht ganz aus ihrer Mimik verbannen kann. Das ist Obama nicht entgangen. "Merkels Augen waren groß und strahlend blau, und sie konnten abwechselnd den Ausdruck von Frustration, Belustigung und Andeutungen von Besorgnis annehmen", schreibt er. An anderer Stelle, als er die Kanzlerin in der Euro-Krise vergeblich zu einem größeren Schuldenerlass für Griechenland drängt, notiert er ihre missbilligende Reaktion: "Ja, Barack, ich denke, das ist vielleicht nicht die beste Herangehensweise für uns, pflegte sie zu sagen und runzelte ein wenig die Stirn, als hätte ich etwas leicht Geschmackloses vorgeschlagen."

Andere Staatsmänner jener Jahre kommen längst nicht so gut weg. David Cameron, damals der britische Premier, wird zwar nicht als unsympathisch geschildert ("Ich mochte ihn"), doch als Mann ohne Tiefgang, "der mit den Härten des Lebens noch nie wirklich in Berührung gekommen war". Camerons joviale Hemdsärmeligkeit wirkt auf den selbst nicht allzu sehr an Etikette hängenden Präsidenten aufgesetzt: "Bei jedem internationalen Gipfeltreffen legte er als Erstes sein Jackett ab und lockerte die Krawatte." Nicolas Sarkozy war für ihn "der Inbegriff von Gefühlsausbrüchen und übertriebener Rhetorik". Frankreichs damaliger Präsident habe immer im Mittelpunkt stehen wollen, um "die Lorbeeren zu ernten für alles, wofür es lohnte, Lorbeeren zu ernten".

Genauer beschäftigt sich Obama mit Wladimir Putin - und verbirgt seine tiefe Abneigung nicht gegenüber dem russischen Präsidenten, der damals als Premier fungierte, aber stets der Strippenzieher in Moskau war. Bei ihrem ersten Treffen besucht er ihn auf seinem Landsitz, einen Mann mit der "Statur eines Ringers" und "hellen, wachsamen Augen". Nach einem zweistündigen Gespräch ist Obama sich sicher, dass Putin von dem Gefühl beseelt ist, dass Russland von der Geschichte ungerecht behandelt worden sei und dass er das korrigieren wolle - mit jedem Mittel. Putin, so sagt Obama einem Berater, erinnere ihn an die korrupten Parteibosse in den USA um 1900: "Harte, gewiefte und kaltblütige Typen, die Patronage, Bestechung, Erpressung, Betrug und gelegentliche Gewalttätigkeiten als legitime Methoden ansahen."

Auch mit Urteilen über amerikanische Politiker hält sich Obama nicht zurück, wobei zwei besonders interessant sein dürften: sein Verhältnis zu seinem damaligen Vize Joe Biden und seine Einschätzung seines Nachfolgers Donald Trump. Aus seinem Widerwillen gegenüber dem Letzteren macht er keinen Hehl.

Persönlich hatte Obama ihn nicht getroffen, ehe er Trump im November 2016 als seinen gewählten Nachfolger ins Weiße Haus einlud. Eine gute Meinung hatte er indes schon Jahre zuvor nicht von ihm, und er bekennt, einen Fehler gemacht zu haben - wie viele: "Jedenfalls fiel es mir schwer, ihn allzu ernst zu nehmen." Und dann gibt er wieder, wie andere Wirtschaftsbosse in New York, wo Trump herkommt, den Mann damals beschrieben: "substanzlos" und "dubios".

Doch Trump hatte bereits kurz nach Obamas Wahl eine Kampagne angezettelt, die der klar unterschätzt hatte, die aber die tiefen Brüche der US-Gesellschaft schon damals offenlegte. Es ging um die sogenannte Birther-Kontroverse - die Behauptung, dass Obama in Wahrheit nicht in den USA geboren wurde, damit kein Amerikaner und nicht berechtigt sei, überhaupt Präsident zu sein. Sie führte dazu, dass Obama seine Geburtsurkunde aus dem Standesamt in Honolulu präsentieren musste, um die Debatte zu beenden. Was Trump nicht daran hinderte, die falschen Behauptungen später zu wiederholen.

Obamas Analyse dürfte in den USA für Furore sorgen, weil er Trumps Kampagne offen als das brandmarkt, was sie stets war: eine rassistische Verschwörungstheorie: "Es war, als hätte meine Gegenwart im Weißen Haus eine tief verwurzelte Angst geweckt, als glaubten meine Gegner, die natürliche Ordnung der Dinge löse sich auf."

Den Mann indes, den Obama mit den freundlichsten Worten bedenkt - zumindest was die Mitglieder seiner Regierungsmannschaft angeht -, ist sein früherer Vize Biden. Obama hat das Manuskript im Sommer abgeschlossen, konnte also nur hoffen, aber nicht wissen, dass Biden sein Nach-Nachfolger wird.

Charakteristisch für ihr Verhältnis zumindest in der Anfangszeit seiner Präsidentschaft dürfte eine Episode im Herbst 2009 gewesen sein, als die Chefs der US-Streitkräfte Obama im Situation Room zu einer erheblichen Truppenverstärkung in Afghanistan drängten. Danach passte Biden den deutlich jüngeren Präsidenten auf dem Weg ins Oval Office ab: "Hören Sie mir zu, Boss, sagte er, vielleicht bin ich schon zu lange in dieser Stadt, aber eines erkenne ich, nämlich wenn diese Generäle versuchen, einen neuen Präsidenten an die Leine zu nehmen."

Obama beschreibt seinen Vize als "Menschen mit Herz", den er nicht zuletzt wegen seiner außenpolitischen Erfahrung und exzellenten Verbindungen in den Kongress auswählte: "Ausschlaggebend war jedoch das, was mir mein Bauchgefühl sagte - dass Joe anständig, ehrlich und loyal war."

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