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Kosovo:Immer mehr Scheidungen

Es ist für Kosovaren fast unmöglich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, es sei denn, sie sind in Deutschland geboren oder kommen bereits als Kleinkind ins Land.

Jubel im Kosovo: Am 18. Februar 2008 feiern die Menschen die Unabhängigkeitserklärung ihres Landes in Pristina. Auf den erhofften Wohlstand warten viele bis heute.

(Foto: AFP)

Erwachsene Kosovaren können jedoch, ebenso wie andere Nicht-EU-Bürger, eine Niederlassungserlaubnis in Deutschland beantragen, wenn sie seit mehr als fünf Jahren legal im Land leben - normalerweise sind die Gründe dafür eine höhere Ausbildung oder die Heirat mit einem deutschen Staatsangehörigen.

Steigende Scheidungsrate

In der etwa 600.000 Einwohner zählenden kosovarischen Hauptstadt Priština wurden 2007 laut offiziellen Angaben 127 Ehen geschieden. Diese Zahl erscheint nach westeuropäischen Standards niedrig, für Kosovaren ist sie hoch. 2003 waren es in der Gemeinde von Priština noch 36 Scheidungen.

Parallel zur steigenden Anzahl an Scheidungen hat sich auch die Zahl der Eheschließungen mit ausländischen Staatsbürgerinnen, zumeist mit Westeuropäerinnen, erhöht. 2009 wurden von offizieller Seite in Priština 98 solcher Eheschließungen zwischen kosovarischen Männern und Frauen aus dem Western verzeichnet.

Shefqet Buqaj, ein Rathausbeamter, gibt zu, von Fällen zu wissen, in denen Kosovaren ihre einheimischen ersten Frauen nach der Scheidung von ihren ausländischen Partnerinnen wieder geheiratet hätten.

Die Möglichkeiten der Behörden, die Motive für eine Heirat mit einer Ausländerin zu prüfen, seien begrenzt, gesteht er. Wenn kosovarische Männer ihre ersten Frauen erneut heiraten wollen, so könne das Paar einfach angeben, sich wieder versöhnt zu haben.

Aber Buqaj betont, es werde nachgefragt, sollten die Motive für die Ehe eines Kosovaren mit einer ausländischen Frau zweifelhaft erscheinen. Ein besonders verdächtiger Fall betraf einen einheimischen Mann, der eine 15 Jahre ältere Ausländerin heiratete, erinnert er sich.

Solche Verbindungen sind im patriarchalischen Kosovo praktisch unbekannt: Dort verletzt die Heirat mit einer Frau, die mehr als zehn Jahre älter ist als ihr Ehemann, jede Tradition.

Doch Buqaj erklärt, dass sie keine guten Gründe finden konnten, die Heirat nicht zu gestatten. "Wir sprachen mit ihnen und kamen zu dem Schluss, dass es keine fiktive Ehe war", sagt er.

Einsame westliche Frauen

Auf Sonja, eine Deutsche aus Stuttgart, hatte es ein Kosovo-Albaner abgesehen, der nach einer Aufenthaltserlaubnis in Deutschland trachtete. Vor 13 Jahren heiratete die mittlerweile Dreißigjährige den aus der Gegend von Mitrovica im nördlichen Kosovo stammenden Albaner. Sonja fühlte sich geschmeichelt, als sie damals - gerade arbeitslos und etwas einsam - von einem gut aussehenden, schwarzhaarigen Mann, der ein paar Jahre älter war als sie, in einem Cafe in Stuttgart angesprochen wurde.

Sie hatte keine Ahnung, dass dieser angebliche Single in Wahrheit mit 18 Jahren im Kosovo geheiratet und, bevor er nach Stuttgart gekommen war, die Scheidung eingereicht hatte. Sie war sich auch nicht dessen bewusst, dass er nun auf der Suche nach einer deutschen Frau war, aus Gründen, die wenig mit Liebe zu tun hatten. Es wurde bald geheiratet, und Sonja begann eifrig Albanisch zu lernen und das bescheidene Leben einer kosovarischen Hausfrau zu führen - sie verließ zum Beispiel nicht mehr die Wohnung, um sich mit Freunden zum Kaffee zu treffen. Rückblickend sagt sie: "Ich wurde albanischer als jede albanische Frau."

Überraschenderweise verlangte Sonjas Ehemann nach fünf Jahren nicht die Scheidung. Offenbar, weil sie zu diesem Zeitpunkt einen kleinen Sohn hatten, dessen Schicksal die Angelegenheit verkomplizierte. Sonjas Ehemann wollte sichergehen, das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn zu bekommen, bevor er sie verließ.

Sie ließen sich schließlich erst vor zwei Jahren scheiden, nachdem Sonja ihr Einverständnis gegeben hatte, ihren damals achtjährigen Sohn ihrem Ex-Mann zu überlassen. Dieser heiratete rasch wieder seine erste Frau und lebt jetzt außerhalb von Stuttgart mit ihr und Sonjas Sohn.

Sonja kennt die ganze Geschichte ihrer Ehe nicht, doch einige Kosovo-Albaner, die in der Nachbarschaft leben, wissen sehr wohl über die verborgenen Lebensumstände von Sonjas Ex-Mann Bescheid. Sie weiß nur, dass ihr Ex-Mann "eine albanische Frau ohne Papiere" ehelichte. Sie glaubt immer noch, aus Liebe geheiratet zu haben und versteht nicht, was falsch gelaufen ist.

Die Heiratsvermittler

Viele Kosovo-Albaner verteidigen das Vorgehen von Männern, sich im Ausland vorübergehend eine zweite Frau zu suchen, um ihre Perspektiven zu verbessern. Vladrin Hoxha, ein 23-jähriger Arbeitsloser aus Priština, meint, er würde dasselbe tun, wenn er könnte.

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